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Predigten & Andachten

 

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Predigten im Doppelpack

Die jährliche Predigtreihe im Frühjahr hat in unserer Region inzwischen schon Tradition. Für Leegebruch und Velten-Marwitz wollen wir Pfarrer in diesem Herbst zusätzlich eine kleine Reihe von Dialogpredigten eta-blieren.

Das Reformationsjubiläum hat uns animiert, in vier solchen Ge-sprächspredigten Martin Luther in fiktiven Dialogen mit Philipp Melanchthon, dem Maler Lucas Cranach, Luthers Gattin Katharina von Bora, und dem Drucker Hans Lufft zu Wort kommen zu lassen. Dabei sind die „Gesprächspartner“ Luthers nicht nur Stichwortgeber, sondern bringen ihre eigenen Gedanken ein. Schließlich war ja auch die Reformation ein Werk vieler. Wir hören, was Luthers Mitstreiter dachten, wie sie den Reformator ihrerseits anregten, wie Gedanken im Dialog entstehen.

Jeweils zwei PfarrerInnen und die Prädikantin Gesine Utecht werden in den Gottesdiensten Ende Oktober bis Mitte Novem-ber in die Rollen der beiden Ge-sprächspartner schlüpfen und gemeinsam über die Zeit der historischen Personen wie auch über die Bedeutung dieser Protagonisten bis in die Gegenwart reden.

Lassen Sie uns das Jahr des Reformationsjubiläums ausklingen, indem wir noch einmal gemeinsam zentralen Gedanken der Wegbereiter des Protestantismus nachspüren. Sie sind herzlich eingeladen mitzudenken!

Termine:
29.10.17: Martin Luther und Lucas Cranach - Nele und Christoph Poldrack
05.11.17: Martin Luther und Hans Lufft - Nele und Christoph Poldrack
12.11.17: Martin Luther und Katharina von Bora - Nele Poldrack und Markus Schütte
19.11.17: Martin Luther und Philipp Melanchthron - Gesine Utecht u. Markus Schütte

 

 

Predigtreihe 2017

Predigten zu Bildern

 

In diesem Jahr stellt jeder/r PredigerIn ein Bild vor, das ein biblisches Thema behandelt. Anhand dieses Bildes werden dann die theologischen Fragen und Gedanken entwickelt, die sich aus diesem Thema ergeben.

Die Veröffentlichung erfoglt in der Reihenfolge, wie die Predigten in Leegebruch gehalten wurden.

 

 

Predigt zum Altarbild "Auferstehung" von Michael Triegel

22. 01. 2017, 9.00 Uhr in Leegebruch

 

Auferstehung

 

Liebe Gemeinde,

Ich zeige Ihnen ein Altarbild des 1968 geborenen Malers Michael Triegel. Dieses Bild, das am Beginn unseres Jahrhunderts entstand, löste bei der ersten Ausstellung 2003 in Berlin und dann ein Jahr später in Würzburg einen kleinen Skan­dal aus.

Der Auferstandene steht in der Bildmitte. Das Leichentuch, das auf den Osterbildern sonst den Leib des Auferstande­nen ganz oder teilweise verhüllt, fehlt. Christus ist nackt dem Grab entstiegen. Sein Leib ist ein schöner, makelloser, ebenso ver­klärter wie ursprünglicher Leib. In der rechten Hand, nicht in der lin­ken wie üblich, hält er die Siegesfahne, die sich hinter dem Aufer­standenen bauscht. Bis auf die kleine Seiten­wunde gibt es keine Spu­ren des Leidens. Wir se­hen keine ätheri­sche Lichtgestalt (die mehr Seele als Leib ist), son­dern einen ganzen Menschen, einen ganzen Mann. Dies anatomisch genaue Mannsbild ist eine Darstellung der Auferstehung des ganzen Menschen, die Bewahrung einer individuellen Einmaligkeit. Das Un­recht, die schmähliche Marter, ist wiedergutge­macht. Die Mörder ha­ben nicht über das Opfer triumphiert.

Das Licht fällt von oben auf den Leib. Der Auferstandene hebt den rechten Fuß und scheint zu schreiten, der linke schwebt ein wenig über der Erde. Das Bild steht damit in der Tradition des schweben­den Auferstandenen über dem geöffneten Grab. Die Grabplatte scheint auch zu schweben. Aufgewühlte Erde, Bretter, Kreuzesres­te, Werkzeug zeugen von einem nachzitternden Erdstoß, so wie es uns im Matthäus‑Evangelium berichtet wird.

Das Licht fällt weiter auf Frauengestalten, auf ihre den Umhang haltenden oder betenden Hände und auf ihre geneigten Gesichter, de­ren Augen geschlossen sind. Kein Erschrecken oder Entsetzen ist zu erkennen, wie es die Evangelisten beschreiben. Ihre gefasste, konzentrierte Haltung zeigt eher Ergebenheit, stille Trauer. Schlagen die Frauen die Augen nieder vor dem neuen Menschen, der sich ih­nen in schöner Nacktheit zu zeigen wagt, ohne als Schamverletzer, Tabubrecher zu gelten? Oder sind sie noch erstarrt vom Kreuzigungs­geschehen, so dass sie nicht aufzusehen wagen?

Auch der Auferstandene, der übrigens die Gesichtszüge des Künst­lers trägt, schaut nicht den Betrachter an. Er blickt auf einen nack­ten, schlafenden Mann, der sich an eine durch ein Tuch überdeckte Mauer lehnt. lkonografisch gesehen, müsste dies einer der Solda­ten sein, die infolge des erdbebenhaften Auferstehungsgeschehens wie tot daliegen. In den Auferstehungsbildern des Mittelalters lagen sie zu mehreren unübersehbar im Vordergrund. Der auferstehende Christus, der aus dem Grab steigt, setzt in diesen alten Bildern demon­strativ den Fuß über den Grabesrand auf eine dieser Gestalten. Dieser sogenannte Fuß­tritt symbolisiert den Sieg über Tod und irdische Todesmächte.

Diese Bildtradition ist hier verändert, ja sie ist geradezu umgekehrt. Durch seinen besorgten Blick wendet sich Jesus dem Schlafenden zu. Dieser ist in seiner nackten Körperlichkeit ebenso präsent wie der nackte Christus. Aus dem geharnischten Soldaten ist ein schla­fender Bruder Jesu geworden. Er trägt zudem den Siegeskranz, ein Zeichen wohl dafür, dass auch er an dem Sieg Jesu über den Tod Teil hat.

Schließlich noch das Ensem­ble un­ten rechts: Ein aufgeschlagenes Buch, Brot, ein Glas mit Wein, alle schwebend, wie die Schatten, die sie werfen, erkennen lassen. Die Bedeutung ist unschwer zu erken­nen: Brot und Wein verweisen auf die Elemente des Abendmahls, unter denen der erhöhte Christus auf Erden gegenwärtig ist. Christi Gegenwart im Wort ergänzt dieses Geschehen. Das Buch ist aufge­schlagen auf einer leeren Seite. Durch eine von unsichtbarer Hand geführte Fe­der wird ein Buchstabe gezeichnet. Ist das das Buch des Lebens? Sind wir die Schrift, die Namen, die in dieses Buch eingetragen werden?

Schließlich beugt sich ein Geier über das Buch, nicht der auf den Osterdarstellungen oft abgebil­dete Adler, der mit ausgespannten Flü­geln das Auffahren symboli­siert; der erinnert an den bekannten Vers bei Jesaja: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ (Jes. 40, 31) Der Geier ist auch ein Symbol für das Leben, das vom Tod profitiert, aber ihm fehlt das Triumphie­rende.

Triegels Auferstehungsbild wirkt zurückhaltend. Der nackte Christus­leib leuchtet zwar, aber er schwebt nur unmerkbar, der erste Schritt ist ein eher zaghafter tastender Schritt ins Leben. Der Blick ist nicht strahlend auf den Betrachter gerichtet, sondern gilt bewusst dem Schlafenden. Der Nimbus ist nicht ein aufleuchtender Sonnen­kranz, sondern eher ein gelblicher verdunkelnder Mond. Die Frauen stehen ganz verhalten da und haben den Blick gesenkt, eine hat sich fast ganz verhüllt. Auf der braunen steinigen Erde wenig Vegetatives, keine auflebende Natur, kein Osterspaziergang ist angesagt.

Diese Komposition der Szene – alles hätte wohl keinen Skandal er­regt, wäre Jesus wenigstens mit einem Lendentuch bekleidet. Aber ihn mit entblößtem Penis darzustellen, war vielen zu gewagt, wurde beinahe als Blasphemie empfunden. Doch ich glaube, das wollte Triegel nicht. Vielmehr wird hier etwas deutlich vom Verständnis der Auferstehung, das wir schnell vergessen: Unser gesamtes gelebtes Leben wird in Gott und bei Gott aufgehoben und bewahrt sein. Nicht eine unsterbliche Seele, die im Augenblick des Todes den Körper verlässt, lebt ewig weiter, sondern unser Leben mit allem, was wir waren und sind, bleibt in Gott geborgen.

Wenn wir die „Auferstehung der Toten“ im Glaubensbekenntnis be­kennen, dann ist gemeint, dass wir mit allem, was unsere einmalige und unverwechselbare Person, unsere Individualität ausmacht, für Gott nicht verloren gehen. Auch alles Körperliche, das Kraftstrotzen­de wie das Hinfällige, das Leistungsfähige wie das Schwache, und eben auch unsere Sexuali­tät gehören dazu. Kein ätherisches See­lenheil, sondern die Bewah­rung unserer gesamten Person in Gott ist es, worauf wir hoffen. Ich finde, das bringt Michael Triegel mit einer eindrücklichen Bildspra­che zum Ausdruck, eben damit, dass er Je­sus splitterfasernackt aus dem Grab steigen lässt.

Ich habe gehört, dass es empörte Leser­briefe gegeben hat. Ich ver­stehe diese Aufregung nicht. Nackt ist Christus bereits auf den Bil­dern der Spätrenaissance. Nackt als Ge­kreuzigter, nackt als Toter, der vom Kreuz genommen wird, nackt in den Armen der Mutter, nackt als Auferstandener. Der Lendenschurz hebt diese Nackt­heit nicht auf. Es ist die Nacktheit des schutzlosen, gemarterten und schrecklich zu Tode gebrachten Menschen wie auch die des neuen Lebens. Die Nacktheit ist beides: Teil der Demütigung des Opfers. In der Nackt­heit wird seine Schutzlosigkeit verdoppelt. Aber sie ist auch das, was uns anrühren soll und anrührt.

„Ecce homo“, seht welch ein Mensch! Mit diesen Worten präsentierte Pilatus den gegeißelten Jesus der Menge. Seht den lei­denden Menschen, den nackten Menschen, der schutz­los seinen Peinigern ausgeliefert ist. Und dann wirft Christus in einer langen kunstgeschichtlichen Entwicklung das Leichentuch ab, steht in immer größerer Schönheit auf, fährt auf in verwandelter Kraft, kunstvoll drapiert nur noch von der Fahne, die in der Linken seinen Sieg sym­bolisiert. Und schließlich verhüllt kein Fahnenstück mehr seinen paradiesisch ursprünglichen Leib, sein Fleisch.

Nackt wie Gott ihn schuf, nackt wie er auf die Welt kam mit sichtba­rem Penis. Ist es dieser Realismus, der manche guten Christen stört? Reden wir von der Auferstehung der Toten und meinen verschämt eigentlich nur eine Auferstehung der Seele ohne alles Körperliche, das zum Menschen dazu gehört? Da ist mir ein solcher, fast naiver Realismus schon lieber, der die Auferstehung des gan­zen Menschen un-verschämt ins Bild setzt, der Ernst macht mit dem, was Auferste­hung wirklich heißt.

Triegel malt keine alles mit sich reißende Dynamik des Auferste­hungsgeschehens. Er malt ein Bild unmerklichen Übergangs vom Tod zum Leben, von der Nacht zum Licht. Es ist nicht der frohe, ju­belnde Ton des bekannten Paul‑Gerhardt‑Liedes „Auf, auf, mein Herz mit Freuden“, und:

„Er war ins Grab gesenket,

der Feind trieb groß Geschrei,

eh er’s vermeint und denket,

ist Christus wieder frei

und ruft Viktoria

schwingt göttlich hier und da

sein Fähnlein als ein Held,

der Feld und Mut behält.“

Zwar sein Fähnchen hält dieser Christus, aber nicht wie einer, der sein Siegeszeichen aufpflanzt, sondern eher wie einer, der sich daran festhält.

Was mich bei dem Gemälde Triegels anrührt, ist der Moment gera­de überwundener Leiden, das Halbdunkel der Hoffnung, der fast zögernde Schritt ins Leben, das Träumerische des Geschehens. Der Jubel ist zurückgenommen. Dieser zögerlich den Fuß setzende Auf­erstandene scheint mir fast wie ein zweifelnder Thomas: Ist das wirklich wahr, was da geschieht? Träume ich?

Noch wichtiger ist mir folgender Gedanke: Die Auf­erstehung Je­su be­wegt die Nachfolger und Nachfolgerinnen vor allem zur Auferstehung mitten im Leben; Auferstehung ist eine Le­benspraxis. Chris­tus ist in dieser Sicht nicht der einzige Auferstan­dene, sondern der Anführer einer Auferstehungsbewegung. Auch das symbolisiert der nackte junge Mann zu Jesu Füßen. Aufer­stehung geschieht überall dort, wo Menschen sich dem Leben in die Arme werfen. Diese Kraft ist spür­bar in kleinen alltäglichen Hei­lungs‑ und Glückserfahrungen. Sie ist wirksam in sozialen Bewegun­gen, in Basisgemein­den. Die Hunger­tücher lateinamerikanischer christlicher Künstler be­richten von dieser Auferstehung in Solidarität und Protest. Aufstehen und Auferstehen sind im Grie­chischen dasselbe Wort. So natürlich auch im Neuen Testament. Das sollten wir nicht überlesen!

Ein Skandal ist nicht diese un-verschämte Darstellung des Aufer­standen, ein Skandal wäre es vielmehr, wenn wir von Auferstehung reden, ohne dass sich in unserem Leben etwas ändert.

Da ist dieser schöne junge Mann, der zaghaft seinen ersten Schritt ins neue Leben setzt. Wir brauchen solche Traumbilder, um ange­sichts der Entsetzlichkeiten der Welt weiterleben zu können. Und wir fragen besorgt und entsetzt: Gibt es Hoffnung für die Hoffnungslo­sen, gibt es eine Rehabilitierung für die Gemordeten? Ostern sagt uns: Ja! Es gibt sie. Die Hoffnung hat einen realen Grund. Gott sag­te Ja zu dem gefolterten und gemeuchelten Jesus, er setzte ihn mit der Auferweckung ins Recht. Darum dürfen wir für alle Men­schen hoffen: Unser aller Leben wird mit allem, was dazu gehört, von Gott so wichtig genommen, dass er es in Ewigkeit nicht vergisst, unser Leben, zu dem natürlich auch das Körperliche, die Erotik und die Sexualität dazugehören. Amen.

Predigt von Pfarrer Christoph Poldrack, Leegebruch

 

Predigt zum Bild "Verlorenes Paradies" von Emil Nolde

29. 01. 2017, 10.00 Uhr in Leegebruch

 

Verlorenes Paradies

 

Da sitzen sie. Mann und Frau, wie Gott sie geschaffen hat. Ratlos, erschrocken, frustriert. Sie sind nackt. Beide starren vor sich hin. Die Hände ruhen tatenlos. Sie sitzen nebeneinander, aber doch getrennt. Zwischen ihnen ein Stab, ein Stamm eine Schlange. Hinter ihm ein Löwe mit gefletschten Zähnen, hinter ihr Bäume, neben ihr eine rote Blume. Das Bild ist im Original 106 x 157 cm groß.

Gemalt hat dieses Bild der Maler Emil Nolde, der durch seine enorme Farbenpracht bekannt ist – besonders eindrücklich sind mir farblich die Bilder von Gärten und Blumen und die Bilder von Wolkenhimmeln in allen Farben. Erde und Himmel. Darum geht es hier auch.

Emil Nolde hat viele Bilder zu biblischen Geschichten gemalt. Sie sind ihm selbst sehr wichtig gewesen, weil er viel von sich selbst in diese Bilder hineingegeben hat. „Jenseits von Verstand und Wissen“, habe er gemalt, „ganz frei, unter instinktiver Führung, zielsicher, wie er atmet oder wie er geht“ „Ich musste künstlerisch frei sein, - nicht Gott vor mir haben, wie einen stahlharten assyrischen Herrscher, sondern Gott in mir heiß und heilig wie die Liebe Christi.“ So beschreibt Nolde die Art seines Malens und seiner Interpretation der biblischen Geschichten. Er nennt das Bild: Das verlorene Paradies.

Schauen wir in die Bibel.

Es ist eine merkwürdige Geschichte, die von der Erschaffung des Menschen, dem sogenannten Paradies und dem sogenannten Sündenfall. Vielleicht sollten wir uns zu allererst klarmachen, dass die gesamte Urgeschichte in der Bibel – also von der Erschaffung der Welt über Adam und Eva, Kain und Abel, der Sintflutgeschichte bis hin zum Turmbaugeschichte von Babel – dass diese gesamt Urgeschichte nicht versucht, Fakten zu benennen, Geschichtsdaten, sondern Fragen nach Sinn und Bedeutung der Welt und des Menschen nachzugehen, wie denn der Mensch ist und warum – und wie Gott dazu zu denken ist.

Gott hat die Welt und die Menschen geschaffen. Kein Zufall, keine willkürlichen Kräfte, nein Gott wollte mich und dich und diese Welt. Gott hat gesagt: sehr gut!

Der Mensch lebt in Einklang mit der Welt und ihren Geschöpfen. Er hat aber den besonderen Auftrag in der Welt: sie pfleglich zu bebauen und bewahren. Das ist der Anfang. Alles gut.

Und dann: passiert so viel Böses durch die Menschen. Wie geht das zusammen? Diese Fragen stellen Menschen schon immer. Und versuchen Antworten.

Eine Antwort ist: es gibt Kräfte, die den Menschen davon abhalten, nur Gutes zu tun, die ihn davon abhalten, zu tun, was Gott will. Dafür steht die Schlange. Sie flüstert: „sollte Gott gesagt haben …“– und bedient sich absichtlich einer Falschaussage.

Da ist dann diese Geschichte mit der Frucht (von einem Apfel ist nicht die Rede) passiert.

Wir hören aus dem 1. Buch Mose, dem Buch Genesis im 2. Kapitel in einer eigenen Übertragung

 

Die Schlange sagt: Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr dürft nicht von den Bäumen im Garten essen? - Nein, sagt die Frau, wir essen von allen Bäumen, nur von dem Baum mitten im Garten sollen wir nicht essen, damit wir nicht sterben.

Da sagte die Schlange: Nein, ihr werdet nicht sterben, sondern ihr werdet sein wie Gott und wissen, was Gut und Böse ist.

6 Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.

7 Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

8 Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten.

9 Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?

10 Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.

11 Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?

12 Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.

13 Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

 

Ja, so ist der Mensch.

Das eine ist das gute und harmonische Leben, das andere die Verlockung. Das Streben nach mehr. Nach höher, nach weiter. Verlockende Früchte: Haben, Wissen, mehr, besser. Und machen auch noch klug. Wer kann da widerstehen?!

Und: auch Typisch für uns Menschen: ich bin nicht schuld. Die Schlange, die Frau, die Verhältnisse, ich konnte ja nicht anders…

So ist der Mensch. Es ist ein Spiegel, in dem auch ich mich wiederfinde.

 

Jetzt geschieht, was geschehen muss. Beide haben die Konsequenz ihres Handelns zu tragen. Sie sind nicht darauf vorbereitet.

Es ist wie Erwachsenwerden: Jeder muss für seine Taten oder sein Nichtstun gradestehen und kann sich nicht mit einem „ich war’s nicht, jemand anderes ist schuld“ herausreden.

Das Wissen um Gut und Böse: ja, jetzt haben sie die Freiheit, sich zu entscheiden. Und diese Freiheit ist gleichzeitig eine Verantwortung. Sie müssen jetzt auch entscheiden.

Für Nolde ist das Verlorene Paradies ein melancholischer Rückblick auf seine Kindheit, in der alles gut war. Eng verbunden mit Natur und Landschaft in Nordschleswig und getragen durch Familie und einen einfachen, erdverbundenen Glauben, hat seine Kindheit – er wurde 1867 geboren - für ihn Paradiescharakter. Das Bild entstand 1921 – da war er 54 Jahre alt und schaute auch zurück auf eine Reise in den vermeintlichen Urzustand der Menschheit, die Paradiese der Südsee, die sogenannten Urvölker in Neuguinea und Java und Birma. Diese Menschen, so meinte er, lebten noch unverfälscht in den ursprünglichen Zuständen menschlicher Lebensweise, in Einklang mit der Natur und dem ganzen All. Danach erlebte er –jedenfalls aus der Ferne - die Schrecken des 1. Weltkriegs.

Unter diesen Eindrücken macht dieses Bild, drei Jahre nach dem Krieg gemalt, die Ratlosigkeit deutlich, die die Kehrseite des Nach den Sternen –Greifens ist: Zurück geht nicht – also wie jetzt weiter?

Und so sitzen wir heute alle da, wie Emil Nolde diese beiden gemalt hat: ratlos, überfordert von der Komplexität der Aufgaben: wie soll es gehen, diese Welt zu erhalten, Tiere vor dem Aussterben zu bewahren, dass kein Mensch hungern muss, das es keinen Krieg gibt – oder auch nur:

Wie sorge ich für Frieden in der Familie, wie erziehe ich die Kinder richtig, wie kann ich meinen Freund vor dem Trinken bewahren oder auch: wie kann ich selbst erfüllt leben?

Unendliche Aufgaben, vor denen wir ratlos sitzen wie diese beiden. So ist der Mensch.

 

Lasst uns beten.

Herr, unser Gott,

groß ist der Mensch, im Guten wie im Bösen.

Aber die Verhältnisse sind so komplex, dass wir sie nicht überblicken können. So fühlen wir uns als Opfer, die diesem ganzen Elend ausgeliefert sind und nichts machen können.

Ausgestoßen aus dem Paradies sind wir ratlos.

Erbarm dich, Herr über uns!

 

Kyrie eleison – Herr erbarme dich – Christe eleison …

 

Gott lässt uns nicht so sitzen.

Emil Nolde weist uns darauf hin.

Vielleicht ist sein Bild tatsächlich ein Bild für die Mensch-Werdung.

Denn es ist Kraft in dem Bild.

Die Schlange ist da. Sie steht für Fragen und Zweifel, für Widerspruch und Perspektivenwechsel. Kräfte, die Menschen vorwärtsbringen. Im Fragen, im Hinterfragen, im Wissen-Wollen hat sich die Menschheit entwickelt – bis zur Erfindung des Smartphones, der Eroberung des Weltraums und der Erforschung des Atoms, genauso wie mit der Erfindung der Maschinengewehre und Atomsprengköpfe.

Der Löwe im Bild: große Kraft, die dem Menschen gegeben ist – zum Bösen wie zum Guten. Vielleicht auch ein Zeichen für Gefahr und Bedrohung, die jedoch beherrschbar erscheint.

Der Wald mit seinen Pflanzen, seinem Schutz und seiner Nahrung deutet Lebensmöglichkeiten und Geborgenheit an, die rote Blume die Schönheit des Lebens, die Liebe.

Auch außerhalb des Gartens Eden gibt es Lebensmöglichkeiten für den Menschen, für uns.

Eine schöne Fürsorglichkeit Gottes erzählt das Bild nicht, aber die Bibel. Sie müssen den Garten Eden verlassen. Aber Gott selbst macht ihnen Kleider, die sie schützen und wärmen. Gott lässt sie nicht allein. Er begleitet sie mit seiner Liebe.

Dafür loben wir ihn

Und singen das Lied:

EG 316 Lobe den Herren den mächtigen König der Ehren Flöte

 

Und noch etwas: Im 2. Kapitel des 1.Mosebuches ist der Mensch der Erdling. Der Adam, der aus der Adama, der Erde, gemacht ist. Adam steht hier also für Mensch, Adam, das sind die zwei, Mann und Frau. Aber sie sind eben nicht nur aus Erde – sie haben auch den Atem Gottes, die Ruach, den Geist Gottes, der sie lebendig macht. So sind sie beides: von Erde und von Gott – unglaubliches Wesen wenig niedriger als Gott (wie wir im Psalm 8 gebetet haben) - und doch so verletzlich.

Der Atem, der ihnen gegeben ist, ist Gottes Atem, Geist, Schöpferkraft, heiliger Geist.

Er ist in ihnen. Auch wenn sie sich von Gott verlassen fühlen, ist Gott doch in ihrem Atem, in ihrer Lebendigkeit, selbst zugegen.

Das Bild zeigt mir den Glanz des Himmels in ihren Augen.

Die Erinnerung an das Paradies, in dem Frieden war. Und die Sehnsucht nach diesem Frieden, gleichzeitig die Kraft des Lebensgeistes, die dafür sorgen will.

EG 432 Gott gab uns Atem damit wir leben

 

Die Geschichte des Menschen geht weiter als auf diesem Bild. Er nimmt das Leben in die eigene Hand.

Er wird den Acker bearbeiten, Getreide anbauen und verarbeiten. Die Frau bekommt den Namen Eva – Mutter aller Lebendigen- sie wird Kinder kriegen.

 

„Erwachsen sein heißt, nach besten Kräften in seinem Teil der Welt darauf hinzuwirken, den Idealen von Frieden und Gerechtigkeit näherzukommen, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, wie die Welt tatsächlich ist.“ schreibt die Philosophin Susan Neiman. Zugegeben, mir fällt grade der letzte Halbsatz schwer: nicht aus den Augen zu verlieren, wie die Welt tatsächlich ist mit all ihrem Schweren und Unlösbaren und Schönem. Ich mache mir gern vor, dass es alles ganz einfach ist. Oder dass ich gar nichts ausrichten kann. Je nach Stimmung. Vor beidem sollten wir uns als Erwachsene hüten. Und wenn ich einem Menschen helfe, habe ich nicht die Welt gerettet, aber an der einen Stelle doch etwas ausgerichtet. Ein jüdisches Sprichwort sagt sogar: wer einen Menschen rettet, rettet die ganze Welt. – um zu zeigen, dass genau das Tun der vielen Einzelnen – und nur das - etwas ausrichtet in der Welt.

 

In den USA gibt es eine Bewegung der bisher Unpolitischen. Nach dem Amtsantritt Trumps wollen sie in Erscheinung treten. Sie wollen nicht mehr desorientiert um sich schauen und ihr Schicksal bedauern sondern Widerstand leisten gegen Diskriminierung und Rassismus, gegen das Zurückdrehen sozialer Errungenschaften wie z.B. der allgemeinen Krankenversicherung und der gleichen Rechte für alle.

Aber es muss keine Massenbewegung sein. Es kommt auf mich und auf dich an. Adam und Eva. Mensch, wenig niedriger als Gott. Fühl dich nicht als Opfer, nimm dein Leben in die Hand. Gott hat dir alles gegeben was du dazu brauchst. Du musst nicht nur passiv erleiden. Du kannst aktiv die Welt gestalten, für dich und für andere. Das ist eine gute Botschaft für uns alle.

Emil Nolde hat seinen Teil für die Welt getan: er hat mit seinen Farben und Bildern mächtig Lebensenergie in die Welt gebracht, die auch nicht im Nationalsozialismus mit dem Vorwurf, es sei entartete Kunst, gebremst werden konnte. Tun wir auch, was wir können, für Menschen und die Welt. Gott wird den Rest tun. Denn er ist mit uns auf dem Weg aus dem Garten des Anfangs in die Stadt seiner Träume, das neue Jerusalem – wo alle Tränen abgewischt werden, wo jede und jeder von der Arbeit seiner Hände leben kann, und wo alle verschiedenen Menschen in Frieden miteinander leben. Amen

Predigt von Pfarrerin Nele Poldrack, Leegebruch

 

 

 

Predigt zum Bild "Bileam und die Eselin" von Rembrandt van Rijn

05. 02. 2017, 9.00 Uhr in Leegebruch

 

Rembrandt van Rijn: Bileam und die Eselin

 

 

Einleitung: Der biblische Text zu meinem Bild steht im 4. Buch Mose in den Kapiteln 22 bis 24.

 

Ich möchte mit Ihnen über diese wenig bekannte biblische Gestalt nachdenken. Die Geschichte von Bileam und seiner Eselin mutet manchmal etwas schwer durchschaubar, manchmal jedoch märchenhaft an. Märchen waren – und sind es wohl noch heute – immer beliebt, auch solche in denen Tiere sprechen können. In dieser biblischen Erzählung spricht sogar die Eselin.

Es ist eine sehr ausführliche Erzählung. Deshalb habe ich mich auf das 22. Kapitel die Verse 21 – 35 beschränkt. Diese erzählte Szene stellte Rembrandt auf seinem Bild dar.

 

Bevor ich auf den Text eingehe, ein paar Sätze zu dem Bild, das ich Ihnen verkleinert als Postkarte ausgehändigt habe.

Bileam und die Eselin ist ein Gemälde von Rembrandt van Rijn aus dem Jahr 1626. Das Werk stammt aus Rembrandts Leidener Zeit. Er eröffnete 1625 in dieser Stadt seine Werkstatt und begann selbständig zu malen. Das Gemälde entstand noch unter dem Einfluss der Historienmalerei seines Lehrers Pieter Lastmann. 1641 verhandelte Rembrandt erfolgreich mit dem Pariser Kaufmann Alphonse Lopez, der als Vertreter der Französischen Krone und im Auftrag von Kardinal Richelieu zwischen 1636 und 1641 in Amsterdam Kriegsmaterial beschaffte und nebenher mit Kunst handelte, über den Ankauf des Bildes.

Ohne dem Text vorgreifen zu wollen, verzeihen Sie mir einen kleinen Seitensprung hin zu Bileams viertem Segensspruch über Israel, er steht im 24. Kapitel in Vers 17. Diese Einlassung erscheint mir insofern wichtig, da in der Malereigeschichte die Darstellung des Textes eine Wandlung erfuhr.

Bileam prophezeite, dass ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen wird. Die jüdische Überlieferung deutet diese Weissagung als eine Vorankündigung des Königs David; das Christentum sieht in dem Spruch einen Hinweis auf das Kommen Jesu Christi. In letzterer Deutung wäre der Stern, dem die Weisen aus dem Morgenland zur Krippe Jesu folgten, der Stern aus der Prophezeiung des Bileams. In der frühen christlichen Kunst werden vor allem Bileam und der Stern gezeigt. Ab dem 15. Jahrhundert wird zumeist der Esel gezeigt, wie er vor dem Engel mit dem Schwert auf die Knie geht. Die Bedeutung der Geschichte verschoben die Künstler also von der Prophezeiung hin zum Märchen.

Und damit bin ich wieder bei Rembrandts Gemälde und nun auch bei dem Text angekommen.

Die Geschichte Bileams stellt eine eigene, in sich geschlossene Erzähleinheit dar. Sie ist so lebendig und lebensnah und auch mit einem Schuss Humor erzählt, dass sie sich von den vorangegangenen Erzählungen des 4. Mose Buches deutlich abhebt. In ihr findet ein überraschender Perspektivenwechsel statt. Im Mittelpunkt steht nach wie vor das Volk Israel, nun aber aus der Sicht seiner Feinde betrachtet. Über Israels eigenes Verhalten wird in dieser Erzählung nichts ausgesagt. So entsteht ein geradezu skurriles Bild.

Da ist zum einen Balak, der Moabiterkönig, und sein Hofstaat, der alle und alles gegen das Volk Israel mobilisiert, der in seinem Volk Angst und Fremdenhass schürt, der sich nicht zu gut ist, einen fragwürdigen Magier für seine Zwecke einzuspannen, der glaubt, durch diesen Magier Gott auf seine Seite zwingen zu können, und nicht davor zurückscheut, einen Fluch als wirksame Waffe gegen dieses Volk einzusetzen.

Da ist zum andern der Magier Bileam, eine schillernde Figur, ein „Seher“ mit übersinnlichen Gaben, aber vielleicht auch ein heimlicher Gottesverehrer in heidnischer Umwelt. Im Verlauf der Erzählung entpuppt er sich immer mehr als wahrer Prophet, der allein auf Gottes Wort hört und sein Wort verkündet. Sein unbedingter Gehorsam gegenüber Gottes Wort bringt ihn notwendig in Widerspruch zum König. Seine Botschaft ist eben nicht käuflich. So erleidet er auch am Ende das Schicksal vieler Propheten. Rembrandts Bild zeigt ihn uns zunächst aber als einen Mann, der seine Gefühle nicht im Griff hat. Er hat sein Tier dreimal geschlagen, gleichsam in blinder Wut, denn er erkennt erstmal nicht, weshalb die Eselin sich vermeintlich störrisch stellt.

Da ist das Volk Israel, das in der Steppe Moabs sein Lager aufgeschlagen hat, unmittelbar an der Grenze zum Gelobten Land. Geradezu friedlich wirkt es im Kontrast zu der Aktivität seiner Feinde. Es scheint, als ahne es gar nicht, in welcher Gefahr es sich befindet. Es darf sich ganz seinem Gott anvertrauen, der hier Fluch in Segen verwandelt, ohne dass dieses Volk etwas davon ahnt.

Nicht zu vergessen, die Eselin. Sie nimmt eine wichtige Rolle in der Geschichte ein. Sie wird zu Gottes Werkzeug und hindert Bileam daran, einen Weg einzuschlagen, den Gott nicht duldet.

Hören wir nun auf die Erzählung aus dem 4. Buch Mose, Kapitel 22, die Verse 21 – 35.

[Text aus der Hebräischen Bibel lesen.]

Liebe Schwestern und Brüder, oft ist es nicht einfach zu erkennen, dass und wie Gott in unserem Leben handelt. Oft sind uns die Augen verschlossen, unsere Sinne getrübt oder gar betäubt und wir spüren nichts oder nur sehr wenig von der Gegenwart Gottes unter uns. Dann ist es gut, dass wir Mitgeschöpfe haben, die bisweilen mehr sehen und erkennen als wir Menschen, die Ohren gespitzt und deren Augen weit geöffnet sind. Rembrandt malte uns solch ein Mitgeschöpf, noch dazu eines, das nicht gerade in gutem Ruf bei uns steht. Im Gegenteil, oft muss es im Streit zur Beschimpfung der anderen herhalten: „Du, dummer, fauler, sturer Esel!“ Und eine größere Dummheit pflegen wir eine Eselei zu nennen. Aber nicht nur der biblische Text, den wir eben gehört haben, sondern auch Menschen, die sich auf Esel verlassen, belehren uns eines Besseren.

Esel sind keineswegs faul. Sie lassen sich schon seit mehr als 6000 Jahren vor die Karren der Menschen spannen und schleppen in allen Weltgegenden ihre Lasten. Trotz der harten Arbeit benötigen Esel nur drei Stunden Schlaf am Tag. Und als ursprüngliche Wüstenbewohner können sie viel länger ohne Wasser und Nahrung auskommen als Pferde.

Esel sind keineswegs stur. Gewiss, auf Schnelligkeit können wir bei ihnen nicht setzen. Eher ist Gelassenheit angesagt. Bei Gefahr bleiben Esel wie angewurzelt stehen, sie erstarren. Diesen Reflex haben die Esel bis heute nicht abgelegt. Im Gegenteil: Schreie und Schläge verstärken ihn nur. Ein offenbar sturer Esel ist einfach nur ein gestresster oder verängstigter.

Esel sind keineswegs dumm. Esel gehorchen den Menschen nie blind. Wer ihr Vertrauen gewinnen möchte, muss ihre Körpersprache kennen. Sind die Ohren aufmerksam nach vorne gerichtet, ist die Eselin neugierig. Dreht sie aber die Ohren nach außen und stellt sie auf, signalisiert sie Angst.

Nun, die Erzählung vom Seher Bileam, dem der Gottesbote in den Weg tritt, damit er Israel auftragsgemäß verflucht, zeigt uns, das Esel manchmal zu „Menschenhirten“ werden können und sie können Menschen sogar aus Lebensgefahr erretten – Menschen, die nicht erkannt haben, dass Gott sie am Weitergehen hindert, um sie von einem todbringenden Tun abzuhalten.

Ich finde es ist ein ganz und gar wunderbares Gespräch, das Bileams Eselin mit dem für den Boten Gottes gerade blinden Seher führt?! Die sehende Eselin rettet den für Gott blinden Seher! Da sieht die Eselin mehr und anderes als Bileam selbst, merkt, dass es keine Passage geben kann, wo Gott selbst den Weg ins Unheil verstellt. Bileam erkennt diese göttliche Wegsperre nicht und lässt gleich drei Mal seinen ganzen Unmut an seinem hellsichtigen Lasttier aus. Die Eselin sieht, dass Gott im Weg steht, sie wittert die Gefahr, die Bileam droht, während der erst sehend gemacht werden muss. Doch zuvor muss er die Treue seiner von Gott mit Sprache, also ihrerseits fast prophetisch begabten Eselin erkennen und anerkennen.

Die Eselin weist Bileam mit keinem Wort auf den Gottesboten hin, der im Weg steht. Bileam muss diesen schon selbst erkennen, dafür wird es zwischen ihm und den Boten eine eigenes Gespräch geben. Sie erinnert ihn „nur“ an die unzweideutige Erfahrung, die er bisher mit ihr gemacht hat, nämlich dass sie ihn bis auf diesen Tag getragen und auch ertragen hat. Und dass es darum völlig abwegig sei zu denken, dass sie ihm schaden wolle, wenn sie vom Weg abweiche oder sich niederlege. Zuerst muss Bileam begreifen, dass er seiner tragfähigen und eben darin treuen Eselin mit und in seinem Zorn Unrecht getan hat. Es gibt eben nicht nur heiligen Zorn, wie er hier in Gott über diesen Seher entbrennt, sondern auch einen dummen Zorn, der aus Missverständnissen und Unterstellungen, aus mangelnder Achtsamkeit und getrübter Wahrnehmung entsteht.

Erst als Bileam seiner Eselin wieder vertraut und ihr Recht gibt, öffnet ihm Gott die Augen, dass er selbst den Boten sehen kann, der mit gezücktem Schwert mitten auf dem Weg steht. Erst durch den Einspruch seiner Eselin wird Bileam empfänglich für die Wegweisung des Gottesboten, der ihm nun sagt, was er zu tun habe. So wird Bileams Eselin zur Wegbereiterin des Segens, den der Seher Bileam – seinen irdischen Auftraggebern zum Trotz! – Israel im Namen Gottes bringen wird.

Wenn wir doch füreinander und für andere zu solchen Grautieren werden könnten! Nehmen wir es als Kompliment, wenn jemand uns Esel nennt! Warnen wir vor Gefahren, leisten wir Widerstand, zeigen wir uns stur und störrisch, wo Mitmenschen sich auf Wege begeben, die in den Tod oder in eine Katastrophe führen können, und halten wir sie rechtzeitig auf!

Unsere Gesellschaft ist angewiesen auf die, die nicht nur jene verbinden, die unter die Räder gekommen sind, sondern die dem Rad selbst in die Speichen greifen, wenn die Fahrt schnurstracks in den Abgrund führt.

Werden wir füreinander und für andere zu solchen Grautieren! Wie sollten wir das nicht tun, nachdem Gott sich selbst für uns zum Esel gemacht hat, uns trägt und erträgt – bis auf den heutigen Tag!?

Bin ich nicht deine Eselin, auf der du zeitlebens geritten bist bis zum heutigen Tag? War es je meine Art, es so mit dir zu treiben, wie du es mir unterstellst?!

In der Treue der Eselin Bileams begegnen wir der Treue des Gottes Israels zu seinem Volk. Der uns die Treue hält, denn er gibt niemals das Werk seiner Hände preis.

Erlauben Sie mir zum Schluss eine durch und durch persönliche Interpretation. Bileam und seine Eselin erscheinen mir auch als ein Sinnbild unserer heutigen Welt. Im übertragenen Sinne prügeln wir auf unsere Mitgeschöpfe ein, in dem wir unsere Umwelt, unsere natürlichen Ressourcen gnadenlos ausbeuten, vermüllen und verseuchen, ohne auf die Warnungen, auf das in die Knie Gehen der Natur zu achten. Und im Gegensatz zu Bileam tun wir dies sehenden Auges. Aber auch darin trägt uns Gott und erträgt er uns.

Predigt von Prädikantin Gesine Utecht

 

Predigt zum Bild "Die Zerstörung von Sodom und Gomorra" von John MARTIN

12. 02. 2017, 09.00 Uhr in Leegebruch

 

 

Zerstörung Sodoms und Gomorras

Liebe Gemeinde,

Sie haben vor sich ein Bild des Malers John Martin. Es heißt „Die Zerstörung von Sodom und Gomorra“ und wurde 1852 gemalt. John Martin lebte von 1789 bis 1854 in England. Er gehörte zu den erfolgreichen Künstlern seiner Zeit. Seine Tante war sehr gottesfürchtig und erzählte oft von der Hölle. Ihr wird der religiöse Einfluss auf seine Bilder zugesprochen.

Es ist ein eindrucksvolles Bild der Romantik aber schon mit der Ausdrucksweise, wie sie später durch die Impressionisten perfektioniert wird, mit kräftigen Farben für Licht und Feuer und vielen Einzelheiten. Vermutlich lagen diese Städte am Toten Meer, da es dort häufig zu Erdbeben kam und sich unter der Erde hohe Mengen an dem schnell entzündlichen Methangas befinden. Andere Forscher haben die Theorie, dass sie sich in dem heutigen Jordanien befanden. Gesicherte Angaben gibt es bis heute nicht. Aber hören wir zunächst die Geschichte von Sodom und Gomorra und wie es zu der Zerstörung kam. Sie steht im 1. Buch Mose im 19. Kapitel, die Verse 1 – 29. Ich lese den Text der neuen Luther Bibel:

1 Die zwei Engel kamen nach Sodom am Abend; Lot aber saß zu Sodom unter dem Tor. Und als er sie sah, stand er auf, ging ihnen entgegen und neigte sich bis zur Erde

2 und sprach: Siehe, liebe Herren, kehrt doch ein im Hause eures Knechts, bleibt über Nacht und lasst eure Füße waschen. Frühmorgens mögt ihr aufbrechen und eure Straße ziehen. Aber sie sprachen: Nein, wir wollen über Nacht im Freien bleiben.

3 Da nötigte er sie sehr und sie kehrten zu ihm ein und kamen in sein Haus. Und er machte ihnen ein Mahl und backte ungesäuerte Brote, und sie aßen.

4 Aber ehe sie sich legten, kamen die Männer der Stadt Sodom und umgaben das Haus, Jung und Alt, das ganze Volk aus allen Enden,

5 und riefen Lot und sprachen zu ihm: Wo sind die Männer, die zu dir gekommen sind diese Nacht? Gib sie heraus, dass wir ihnen beiwohnen.

6 Lot ging heraus zu ihnen vor die Tür und schloss die Tür hinter sich zu

7 und sprach: Ach, liebe Brüder, tut nicht so übel!

8 Siehe, ich habe zwei Töchter, die wissen noch von keinem Manne; die will ich euch herausgeben, und dann tut mit ihnen, was euch gefällt; aber diesen Männern tut nichts, denn darum sind sie unter den Schatten meines Dachs gekommen.

9 Sie aber sprachen: Weg mit dir! Und sprachen auch: Du bist der einzige Fremdling hier und willst regieren? Wohlan, wir wollen dich noch übler plagen als jene. Und sie drangen hart ein auf den Mann Lot. Doch als sie hinzuliefen und die Tür aufbrechen wollten,

10 griffen die Männer hinaus und zogen Lot herein zu sich ins Haus und schlossen die Tür zu.

11 Und sie schlugen die Leute vor der Tür des Hauses, Klein und Groß, mit Blindheit, sodass sie sich vergebens mühten, die Tür zu finden.

12 Und die Männer sprachen zu Lot: Hast du noch jemanden hier? Einen Schwiegersohn? Deine Söhne und Töchter? Wer noch zu dir gehört in der Stadt, den führe weg von dieser Stätte.

13 Denn wir werden diese Stätte verderben, weil das Geschrei über sie groß ist vor dem HERRN; der hat uns gesandt, sie zu verderben.

14 Da ging Lot hinaus und redete mit den Männern, die seine Töchter heiraten sollten: Macht euch auf und geht aus diesem Ort, denn der HERR wird diese Stadt verderben. Die aber meinten, er scherze.

15 Als nun die Morgenröte aufging, drängten die Engel Lot zur Eile und sprachen: Mach dich auf, nimm deine Frau und deine beiden Töchter, die hier sind, damit du nicht auch umkommst in der Missetat dieser Stadt.

16 Als er aber zögerte, ergriffen die Männer ihn und seine Frau und seine beiden Töchter bei der Hand, weil der HERR ihn verschonen wollte, und führten ihn hinaus und ließen ihn erst draußen vor der Stadt wieder los.

17 Und als sie ihn hinausgebracht hatten, sprach der eine: Rette dein Leben und sieh nicht hinter dich, bleib auch nicht stehen in dieser ganzen Gegend. Auf das Gebirge rette dich, damit du nicht umkommst!

18 Aber Lot sprach zu ihnen: Ach nein, Herr!

19 Siehe, dein Knecht hat Gnade gefunden vor deinen Augen, und du hast deine Barmherzigkeit groß gemacht, die du an mir getan hast, als du mich am Leben erhieltest. Ich kann mich nicht auf das Gebirge retten; es könnte mich sonst das Unheil ereilen, sodass ich stürbe.

20 Siehe, da ist eine Stadt nahe, in die ich fliehen kann, und sie ist klein. Dahin will ich mich retten, dass ich am Leben bleibe. Ist sie nicht klein?

21 Da sprach er zu ihm: Siehe, ich habe auch darin dich angesehen, dass ich die Stadt nicht zerstöre, von der du geredet hast.

22 Eile und rette dich dahin; denn ich kann nichts tun, bis du hineinkommst. Daher ist diese Stadt Zoar genannt.

23 Und die Sonne war aufgegangen auf Erden, als Lot nach Zoar kam.

24 Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra

25 und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.

26 Und Lots Frau sah hinter sich und ward zur Salzsäule.

27 Abraham aber machte sich früh am Morgen auf an den Ort, wo er vor dem HERRN gestanden hatte,

28 und wandte sein Angesicht gegen Sodom und Gomorra und alles Land dieser Gegend und schaute, und siehe, da ging ein Rauch auf vom Lande wie der Rauch von einem Ofen.

29 Und es geschah, als Gott die Städte in der Gegend vernichtete, gedachte er an Abraham und geleitete Lot aus den Städten, die er zerstörte, in denen Lot gewohnt hatte.

 

Ja, es ist eine grausame Geschichte. Grausam in vielen Aspekten. Zunächst kommen zwei Fremde in die Stadt und werden von Lot freundlich aufgenommen. Aber die anderen Bewohner von Sodom und Gomorra bedrohen sie und wollen ihnen Gewalt antun. Es ist bis heute nicht genau geklärt, ob tatsächlich sexuelle Handlungen gemeint sind in dem Text oder Folter. Aber Gewalt ist es auf jeden Fall. Für den Islam ist diese Geschichte die Begründung für die starke Ablehnung von Homosexualität. Diese Sichtweise lenkt aber von dem mir wichtigerem Aspekt ab. Lot will seine Töchter opfern, um seine Gäste zu schützen. Das Gesetz der Gastfreundschaft ist ihm heilig und wichtiger als die Unversehrtheit seiner Töchter. Und ich bin ehrlich, wäre ich eine dieser Töchter, ich würde Lot für verrückt erklären. Ich werde nicht gefragt und anscheinend wie ein Stück Vieh angeboten.

Aber bevor wir auch Lot verurteilen betrachten wir doch noch einmal die Städte Sodom und Gomorra. Sie schienen Orte des puren Lebensgenusses gewesen zu sein. Große Städte, dekadent und anziehend zugleich. Lot, obwohl treu gegenüber Gott, kann anscheinend ebenfalls dieser Faszination nicht widerstehen. Er traut sich nicht in der Stadt zu wohnen, sondern bleibt vor dem Tor aber er ist ganz dicht dabei. Er sieht, wer in die Stadt hereingeht oder herauskommt. Er kann die Gerüchte hören und sich über alles informieren. Aber er hat keine Ahnung von dem, was zwischen Gott und Abraham besprochen wurde oder doch? In dem Abschnitt vor unserer Geschichte verhandeln Abraham und Gott über die Vernichtung der Städte. Hat Abraham seinen Neffen Lot informiert? Geht Lot darum den Fremden entgegen, opfert er seine Töchter, um die Städte, um tausende von Menschen zu retten? Bei dieser Betrachtung kann ich Lot nicht verurteilen, sondern er wird ein bisschen zum Helden.

Wie dem auch sei, der Friedensapell verhallt in den Ohren des Pöbels. Lot selbst gerät in Not und wird durch die Engel gerettet. Sie schlagen die Männer vor der Tür mit Blindheit. Nebenbei bemerkt kommt daher der Ausdruck „mit Blindheit geschlagen zu sein“. Und so wie bisher die Menschen in Sodom und Gomorra blind für Gott durch das Leben gegangen sind, so irren sie jetzt wahrhaftig blind vor dem Tor und Lots Haus hin und her und laufen in ihr Verderben.

Und Lot? Er hat Existenzangst. Er zögert das Unvermeidliche hinaus. Er soll aus dem Umfeld der Stadt ins Gebirge fliehen. Wird er im Gebirge überleben? Wo kann er hin? Was passiert, wenn Sodom und Gomorra vernichtet sind? Welche Stadt ist als nächstes dran? Er kennt nur einen Ausweg, zurück zu Abraham zu der Stadt Zoar. Aber selbst hier braucht er die Zusicherung der Engel, dass nicht auch diese Stadt vernichtet wird und er letztlich doch zu Tode kommt. Und so wie Adam und Eva von den Engeln aus dem Paradies vertrieben wurden, wird Lot aus seinem bisherigen Leben ins Ungewisse vertrieben. Ich kann mir vorstellen, dass Lot sehr viel Angst gehabt haben muss.

Liebe Gemeinde,

für mich spiegeln sich bis zu diesem Punkt unglaublich viele Gefühle in der Geschichte wieder. Hass, Angst aber auch Liebe und Vertrauen in allen Formen und Schattierungen. Denn letztlich vertraut Lot doch auf die Gnade Gottes und geht. Während es Feuer und Schwefel auf die Städte Sodom und Gomorra herabregnet. An diesem Punkt möchte ich auf das Bild von John Martin zu sprechen kommen. Feuer und Schwefel. Es sind die Bestandteile eines Vulkanausbruches und die der Hölle. Beschreibungen von Vulkanausbrüchen gab es zu Zeiten von John Martin schon und die lebhaften Beschreibungen seiner Tante zum Thema Hölle dürften sich in manchen Punkten damit decken. Es gibt allerdings keinen Kommentar von John Martin zu diesem Bild, also dürfen wir uns unserer eigenen Vorstellungskraft ganz hingeben. Bitte betrachten Sie das Bild ein paar Augenblicke und achten Sie dabei bitte auch auf Ihre Gefühle.

Was fühlen Sie, wenn Sie dieses Bild sehen?

Der erste Eindruck ist die Höhle, die wie ein offenes Maul wirkt. Mit von oben nach unten geführten Pinselstrichen wird das Herabregnen von Feuer und Schwefel dargestellt. Die Farben sind grell und fast kann man die Hitze spüren so intensiv wirken das Rot und das Gelb. Der Boden ist offen und die Gebäude versinken im Feuer der Tiefe. Gelbe Blitze zucken zwischen den Flammen als Zeichen des göttlichen Zorns auf die Stadt nieder. Ähnlich wie eine Lawine rutschen die Gebäude dem Abgrund entgegen während sie dabei bersten. Über dem Schlund und den Resten der Stadt steigt Rauch auf. Er verdunkelt den Himmel. Es ist keine Sonne zu sehen. Es ist ein Bild der Zerstörung und des Zusammenbruches. Diese Gewalt dominiert das Bild. Und unweigerlich fragen wir uns: Ist das wirklich nötig, warum tötet Gott so viele Menschen? Und so seltsam es sich anhört, ich habe nur eine Antwort gefunden. Er schützt alle anderen Menschen vor der Verkommenheit dieser Städte. Vor der Stadt befindet sich eine Oase von Palmen, diese sind ebenfalls dem Untergang geweiht. Alles wird vernichtet. Aber in dem begrenzten Raum. Nur innerhalb der Höhle wirkt die Zerstörung. Die Gebäude am rechten Bildrand bleiben stehen. Es geht nicht um eine allgemeine Vernichtung wie bei der Sintflut. Sie ist lokal begrenzt. Der Ungehorsam von Lots Frau Sara wirkt gegen diese Zerstörung ganz klein aber dennoch wird es nicht übersehen und der weiße Blitz zeigt, dass Gott nichts übersieht. Es ist aber eine offensichtliche direkte Strafe, die von dem Chaos der Zerstörung abgehoben wird und sie von der Strafe an Sodom und Gomorra trennt. Dennoch bedeutet es, Gott hält sein Wort. Er spricht nicht eine Warnung aus und handelt dann nicht. Er steht zu seinem Wort. Gleichzeitig trennt dieser helle Blitz die Seite der Strafe von der Seite des Gehorsams. Lot, tief gebeugt, drängt seine Töchter vor sich her. Ihre Gesichter sind als einzige zu sehen. Sie sind die Zukunft. Die Zukunft hat ein Gesicht. Der Abgrund beginnt aber knapp hinter ihnen. Sie sind nicht in Sicherheit. Die Töchter haben Krüge dabei, vermutlich Wasserkrüge, eine Notwendigkeit, wenn sie überleben wollen. Die eine Tochter hält ihren Vater an der Hand. Es sind kleine Zeichen von Liebe und von Vertrauen. Und im Verhältnis zu der Zerstörung können sie leicht übersehen werden. Aber sie sind da und bedeuten Hoffnung, und so gilt damals wie heute: selbst in der Übermacht des Todes und des Grauens überlebt die Hoffnung so wie Lot mit seinen Töchtern die Zerstörung der Städte überleben. Und damals wie heute gilt, Gott steht zu seinem Wort. Darum dürfen wir auf ihn und seine Liebe vertrauen. Er hat es uns versprochen. Amen

Predigt von Silke Görgens

Prädikantin unserer Region

 

Predigt zum Bild "Schöpfung" von Sieger Köder

am 05.03.2017, 09.00 Uhr in Leegebruch

 

 

Liebe Gemeinde,

Sie werden gleich ein Bild in den Händen halten, das auf eine ganz eigene Art und Weise das Thema „Schöpfung“ aufnimmt.

Betrachten wir es einmal. Tragen wir zusammen, was wir sehen, nicht deuten, nur, was wir sehen.

Ja, wir können eine Menge sehen. Gehen wir einen Schritt weiter. Was erzählt uns dieses Bild? Eine Farbe durchzieht das ganze Bild: Das Blau. Blau ist die Farbe der Transzendenz, die Farbe der Göttlichkeit. Wie sollen wir uns Gott vorstellen? In der Bibel finden wir viele Bilder von Gott: In einer Feuersäule geht Gott vor seinem Volk her, Gott der Herr ist Sonne und Schild heißt es im Psalm. Der Prophet Jesaja darf den Saum seines Gewandes sehen, aber nicht ihn selbst. Gott hat den Mose auf dessen eindrücklichen Wunsch, ihn zu sehen, zurückgewiesen. Wir können nur mit unseren begrenzten menschlichen Möglichkeiten von Gott reden und ihn doch nie erfassen, nie begreifen. Der Maler wählt als Symbol für Gott die Hand. Ja, mit den Händen können wir schaffen, etwas erschaffen. Aus einem unscheinbaren Klumpen Ton wird unter den Händen einer Künstlerin eine edle Vase, aus Mehl, Wasser und Hefe ein stärkendes Grundnahrungsmittel, gebacken von Meisterhand. Gottes Hand nimmt die Hälfte des Bildes ein. Sie hält eine rote Kugel, den glühenden Atomkern.

Die Vorstellungen von dem Entstehen unserer Welt haben sich im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder gewandelt. Immer wieder gab und gibt es neue Erkenntnisse. Der Wissensstand verändert sich ständig. Wie hat es mit dem Universum angefangen?

Hören wir die vertrauten Worte des ersten Verses, so wie ihn Luther übersetzt hat:

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“.

Was sagt die Naturwissenschaft heute? Im Februar 2016 gelang es, Gravitationswellen zu entdecken. Unsere Erde wird durch sie ganz leicht gedehnt und gestaucht. Wir merken davon nichts. Anfang März 2016 kam die Meldung, dass die bisher fernste Galaxie, also das fernste Sternensystem gesichtet wurde, ein kaum sichtbarer Punkt auf der Weltraumaufnahme, 13,4 Millionen Lichtjahre entfernt. Wie sollen wir uns das vorstellen? Eine wichtige Entdeckung eines Amerikaners war im ersten Viertel des vergangenen Jahrhunderts, dass sich alle weit entfernten Himmelskörper immer weiter von uns entfernen, entfernen in alle Richtungen. Unser Universum breitet sich also kontinuierlich aus, sogar immer schneller. Es ist von einer dunklen Energie die Rede, die als Ursache dafür gesehen wird. Daran arbeitet die Forschung. Wenn sich die Abstände kontinuierlich vergrößern und dies schon seit langer Zeit, dann müssen sie in früheren Zeiten kleiner, viel kleiner, ja extrem viel kleiner gewesen sein. Verfolgen wir diese Beobachtung dann muss das Universum mal eine einzige undurchsichtige Gasmasse gewesen sein. Sterne oder gar Planeten kann es nicht gegeben haben, weil einfach kein Platz da war. Dass es diese Gasmasse gegeben hat, ist nachweisbar. Daraus entstand unser Universum, aber wie, das bleibt immer noch unbeantwortet. Die Theorie vom Urknall, übrigens von einem katholischen Priester aufgestellt, ist umstritten.

Manchmal wünsche ich mir, wenn ich diese phantastischen Aufnahmen sehe auch einmal durch das große Weltraumfernrohr gucken zu können.

Gott hält den glühenden Kern in seiner Hand. Daraus entsteht unsere Welt: Sonne, Mond und Sterne, die Vögel, also die Tiere, Sträucher, Blumen, Bäume. Gottes Hand schiebt alles empor. Zwei Finger rechts und links sind mehr grau als blau. Sie umschließen einen Stein, der bizarre Formen enthält. Gott schafft nicht nur das Lebendige, sondern auch den toten Stein, die Materie. Alles, was uns umgibt, ist seine Schöpfung. Diese Schöpfung ist rund, rund im Sinne von vollkommen. Kantig ist nur der Stein, der in dieser Rundheit aufgehoben ist.

In diesem Bild gehen Naturwissenschaft und Gottes Schöpfung sozusagen Hand in Hand. Da gibt es keine Auseinandersetzung um die Frage: Ist die Schöpfungsgeschichte der Bibel mit den heutigen Erkenntnissen vereinbar oder einfacher ausgedrückt: Hat Gott die Welt so erschaffen, wie es geschrieben steht, also in 7 Tagen?

Wie kann Glaube und naturwissenschaftliches Denken zusammengehen? Widersprechen sie sich einander? Was ist denn nun wahr?

So, wie sich das Wissen von der Welt verändert, weiter entwickelt, so verändert sich auch die Theologie, entwickelt sich weiter und damit das Reden von Gott. Es wird genauso in der Theologie geforscht. Wozu hat uns Gott den Verstand gegeben, wenn wir ihn nicht nutzen? Wenn es keine Entwicklung gäbe, gäbe es keine Welt mehr. Vielleicht haben sie das Wort „Prozesstheologie“ oder die Rede vom „dynamischen Gott“ schon gehört.  Gott wird nicht mehr als nur der gesehen, der unwandelbar immer derselbe ist, sondern der sich die Welt entwickeln lässt, der nicht bestimmt und festlegt, aber trotzdem ganz in der Welt ist, der sozusagen mitgeht, auch im Negativen, in der Zerstörung. Anders ausgedrückt. Gott sieht seine Schöpfung nicht als sein Spielzeug, sondern als etwas großes, sich weiter entwickelbares Werk, das er mit Liebe begleitet, in ihm ist. Zurück zu der Frage: Hat Gott die Welt so erschaffen, wie es in der Bibel steht? Nein, denn in der  Bibel lesen wir keine naturwissenschaftlichen Abhandlungen, sie ist kein Lehrbuch in dem Sinne. Sie erzählt von Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, sie erzählt vom Glauben. Die Schöpfungsgeschichte ist eine Glaubensaussage und damit sind wir wieder bei dem Bild. Gott hält seine Schöpfung in seiner Hand und sie strahlt vor Schönheit, vor Glanz, alles rund, alles vollkommen. Das Menschenpaar inmitten, inmitten der Natur ist eingebettet in dieser Ordnung, in dieser Schönheit. Und Gott sah alles, was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut. In dieser heilen Welt steckt aber ebenso die Schlange. Gott hat uns mit Kräften ausgestattet, die wir so oder so, positiv und auch negativ gebrauchen können. Wir können uns in eine Schieflage bringen und nicht nur das, wir können zerstören. Wir bekommen das zu spüren. Der Klimawandel wird nicht mehr bestritten. Und sagen wir nicht, wir können sowieso nichts tun. Yes, we can. Oft sind es die scheinbar kleinen Dinge wie die Plastiktüten für jeden Einkauf. Wenn keiner mehr Fertigprodukte kaufen würde, verschwinden diese. Dabei wissen wir schon, was da an Schadstoffen drinsteckt usw. usw. Ich denke, Gott schickt uns so viele Warnzeichen. Uns umgibt so viel Wunderbares. Und sind wir Menschen nicht ein Wunder: Unser Gehirn enthält 100 Milliarden Nervenzellen und mehr Nervenverbindungen als es Sterne in einer Galaxie gibt und ist es nicht ein Wunder, dass wir denken und fühlen können, dass wir der Liebe begegnen können?

Dieses Bild von Sieger Köder, einem Priester, der 2015 mit 90 Jahren gestorben ist, erzählt von dieser Schöpfung. Dieses Bild nimmt die Melodie der Schöpfungsgeschichte auf, ein großartiges Gedicht.

Wir hören es jetzt in einer Übersetzung, die sich ganz dicht an den Urtext hält. Parallel dazu können Sie noch einmal die Details des Bildes in den Blick nehmen oder einfach dem Klang in den Worten lauschen.

Und Gottes Schöpfungswille und Schöpfungskraft, die alle unsere menschlichen Möglichkeiten und unser Forschen und Reden nicht erfassen kann, bewahre und behüte uns. Amen.

Predigt von Prädikantin Hildegardt Seifert

 

Predigt zum Bild "Der Seewandel des Petrus" von Rembrandt van Rijn

12. 03. 2017, 9.00 Uhr in Leegebruch

 

 

„Gnade sein mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und ...“

 

- Wohin geht die Reise, liebe Gemeinde?

- Wohin führen uns die Wege des Lebens -

- mich, Sie?

- jede und jeden einzelnen?

- unsere Freunde und Familien?

- unsere Gemeinde / Kirche?

- Wohin geht die Reise, liebe Gemeinde?

- So frage ich mich manchmal

- wenn ich mal Zeit habe und nachdenke,

- wenn ich auf einen Termin warte,

- wenn ich nicht einschlafen kann,

- oder bei einem Glas Wein sitze und träume.

- Wohin geht die Reise?

- Ach, ich wüsste es so gern!

- Weil - ich doch so neugierig bin.

- es ein Stück Sicherheit wäre,

- ich mich besser vorbereiten könnte.

- Ach, wenn ich es wüsste, wohin es mich / uns noch führt

 

- Aber will ich / Wollen wir überhaupt weg?

- Wäre es woanders / anders wirklich besser?

- Träume haben viele.

- Die einen - vom Weggehen,

- davon, dass alles anders wird.

- Die anderen - vom Bleiben,

- davon, dass alles so bleibt, wie es war.

- Denn Veränderungen - bedeuten immer ein Risiko,

- sind stets ein Wagnis.

- Gegen äußere Mächte.

- Und gegen die inneren Stimmen:

- „Das wird doch nie was!“

- „Das schaff ich nicht.“

- „Besser, alles bleibt beim Alten!“

- Wohin geht die Reise, liebe Gemeinde?

- Wir wissen es nicht.

- Aber wir hören die Erzählung von einer Reise besonderer Art in der Überlieferung des Matthäus im 14. Kapitel:

 

„Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe.

Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.

Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer. Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.

Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her!

Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!

Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich.

Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen:

Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

 

- Wohin geht die Reise, liebe Gemeinde?

- Meine? Unsere? Und die Reise Jesu?

- Er - ist allein auf dem Berg,

- sucht die Ruhe,

- will einmal abschalten und keinen Menschen mehr sehen,

- will beten und allein sein mit seinem Gott.

- Die Jünger sind derweil an Bordallein, ohne ihn.

- Profis eigentlich.

- Aber, kaum sind sie allein, geht alles schief.

- Stürmische Wellen und tückische Böen auf der Mitte des Sees – das kann auch erfahrene Bootsleute besorgt machen.

- Von seinem Berg aus sieht Jesus das schwankende Boot.

- Gefahr im Verzug.

- Genug allein gewesen.

- Mit Wellen und Wind kennt er sich aus.

- Er nimmt den kürzesten Weg.

- Er geht über das Wasser.

- Direkt auf die Jünger zu.

 

- Und die Jünger erschrecken: „Hilfe, ein Gespenst!“

- Jesus aber spricht: „Ich bin es. Ihr kennt mich doch.“

 

- Und Petrus will es wissen – mal wieder.

- „Dann komm!“, sagt Jesus

- Und Petrus geht los.

- Das Wasser trägt - und Petrus geht einfach auf Jesus zu – schlaf-wandlerisch fast.

- Doch dann schaut er sich um und sieht die Wellen und die Angst packt ihm.

- Schon sinken die Füße ein.

- Schon reicht ihm das Wasser bis zu den Knien, bis zur Hüfte...

- „Hilf mir, Herr!“ schreit er und sinkt weiter.

- Und Jesus hilft.

- Was denn sonst?

- Er streckt die Hand aus, reicht sie Petrus, um ihn zu retten.

 

- Das, liebe Gemeinde, ist der Moment, den Rembrandt auf seiner Zeichnung festhält.

- Rembrandt gehört zweifellos zu den größten Künstlern der Welt-geschichte.

- Berühmt geworden ist er vor allem durch seine „Lichtbilder“, zum Beispiel - die Nachtwache oder

- Heimkehr des Verlorenen Sohnes.

- Aber auch etwa 1.000 Federzeichnungen sind von ihm erhalten.

- Diese sind nicht nur Vorzeichnungen oder Entwürfe, sondern eigenständige Werke - so wie das vom Seewandel des Petrus.

- Ganz nah geht Rembrandt an die Geschichte heran.

- Fast wie ein Zeuge des Geschehens.

- Die Zeichnung wirkt wie schnell dahin gezeichnet, aber die Details offenbaren anderes.

 

- Links steht Jesus, den rechten Fuß leicht nach vorne gestreckt.

- Er beugt sich nach unten, Petrus zu.

- Sein Gesicht ist im Profil zu sehen, der Körper verhüllt vom Gewand, seinen linken Arm hat er Petrus entgegengestreckt.

- Noch berühren sie sich nicht.

- Die Hände des Petrus sind übergroß, gekrümmt, Jesus ent-gegengestreckt, aber dabei gebeugt.

- Die Augen könnten geschlossen sein, der Mund ebenso.

- Sein Körper ist mit dem unteren Drittel im Wasser.

- Dass es Wasser ist, erkennt man eigentlich nur daran, wie sich das Boot bewegt.

 

- Ein weiterer Mann ist dabei, aus dem Boot zu steigen.

- Er hält sich noch mit den Händen und Armen am Bootsrand fest, im nächsten Moment kann er draußen sein.

- Er schaut etwas grimmig.

- Eine dritte Person, mit einem Tuch auf dem Kopf, schaut, was passiert.

- Sie wirkt konzentriert, aber nicht verzweifelt.

- Der Anker am Boot ist sichtbar und der Bug des Schiffes schaut aus den Wellen heraus.

- Daran erkennt man, dass es nicht flach auf dem Wasser liegt.

 

- Im nächsten Moment wird Jesus Petrus die Hand reichen; und sie werden das Boot, vielleicht mit Hilfe des Mannes, der ihnen entgegenkommt, betreten.

- Es ist der Moment vor der Rettung, aber sie ist schon greifbar nah.

- Jesus ist weder ein Gespenst noch ein Held.

- Er ist Helfer in der Not, der Menschen nahe ist/die Hand ausstreckt

- Er wendet sich dem zu, der ihn braucht und um Hilfe bittet.

- Petrus ist kein Wagemutiger mehr, vielmehr ein Bittender:

„Rette mich, Herr!“

- Rembrandt, liebe Gemeinde, war ein Meister im Einfangen und Darstellen von Situationen mit großer Spannung.

- Er trägt nicht dick auf, seine Federstriche sind eher zart.

- ? Was – oder Wen hat er wohl vor Augen gehabt?

- Einen Schwerkranken, der um den Segen bittet?

- Einen Trauernden, der drohte, in der Verzweiflung zu ertrinken?

- Oder doch Petrus, den Nachfolger Christi, auf den die Päpste sich berufen – einen Bettler, der um ein Almosen fleht?

- Der Calvinist Rembrandt verehrte den Papst nicht.

- Vielmehr zeichnet er Petrus als einen,

- der es schwer mit sich hat,

- der ordentlich den Mund vollnimmt - und dann nasse Füße bekommt,

- der den Glauben wagen will - und schließlich doch ins

Zweifeln gerät.

- Rembrandt war - ein begnadeter Künstler,

- einer, der sich emotional und mit Tiefsinn den

Texten und Themen widmet.

- In seinem Leben gab es künstlerische und wirtschaftliche Erfolge und Niederlagen, schlimme Konflikte und viele Todesfälle.

- Zwei Kinder hat er sehr früh verloren,

- seine erste Frau starb mit der Geburt des 3. Kindes

- und der erwachsene Sohn Titus -um den er sich sehr

gekümmert hatte- ging auch vor ihm.

- Er beendete sein Leben in großer Armut.

- Womöglich empfand er die Hand Jesu, die dieser hier Petrus entgegenstreckt, als für ihn selbst hingehalten.

 

- Eine Hand für die Not: - die Petrus,

- des Rembrandt

- und auch für die meine.

- Denn manchmal wünschte ich mir das auch:

- auf dem Wasser laufen können, einfach so,

- Neues wagen,

- über meine Grenzen gehen können.

- „Das wird doch nie was! “, höre ich dann meine inneren Stimmen und - „Das schaff ich nicht.“

- „Besser, alles bleibt beim Alten!“

 

- Komm her, sagt Jesus, trau dich!

„Und Petrus stieg aus dem Boot 


und ging auf dem Wasser
und kam auf Jesus zu.“

- Und - manchmal, ab und zu,

- wenn ich gut drauf bin und alles passt,

dann - gelingt es mir auch,

- dann trau ich mich, Dinge zu denken und Sachen zu machen, die ich lange für unmöglich gehalten habe.

- Dann finde ich den Mut zu sagen,

- was ich brauche und was ich mir wünsche,

- was mich bedrückt und was mich verletzt.

- Dann halte ich nicht länger den Mund,

- dann wage ich mich aufs Wasser hinaus

- und steige aus dem schützenden Boot- einfach so.

- Dann wage ich es, zu träumen und zu laufen - einfach so - über das Wasser.

- Und ich lache über die Stimmen in meinem Kopf:

- „Das wird doch nie was!“

- „Das schaff ich nicht.“

- „Wer kann schon übers Wasser laufen?“

- Komm her, sagt Jesus, trau dich!

„Und Petrus stieg aus dem Boot

und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.“

- Wenn ich nicht nur auf meine Kräfte baue,

- sondern auch auf den Ruf Jesu höre,

- dann geht es

- dann geht sogar über das Wasser laufenmanchmal,

- dann kann ich aus dem Boot steigen.

- Und ich laufe - einfach so.

- So wie Petrus.

- Auch wenn - es nur ein paar Schritte sind

- es dann wacklig wird

- ich doch wieder zu sinken drohe, weil

die Stimmen rufen:

- „Das wird doch nie was!“

- „Das schaff ich nicht.“

- „Besser, alles bleibt beim Alten!“

„Als er aber den starken Wind sah, erschrak er

und begann zu sinken
und schrie: Herr, hilf mir!

Jesus aber streckte sogleich die Hand aus

und ergriff ihn und sprach zu ihm:


Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“

 

- Trau Dir was zu! - und bau auf mich, den Grund Deines Lebens!

- Dann gelingt Dir - mehr als du glaubst,

- mehr als die anderen Dir zutrauen,

- mehr als Du Dir selbst oft zutraust.

- Dann kannst du über das Wasser gehen – wenigstens manchmal.

- Dann geht mehr, als du denkst!

 

- Komm her, sagt Jesus, trau dich!

„Und Petrus stieg aus dem Boot


und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.“

- Können wir das: auf dem Wasser gehen, liebe Gemeinde?

- Trauen wir uns das: hinauszugehen ins Ungewisse?

- Oder bleiben wir lieber schüchtern in unserem Boot / in unserem vertrauten „Schiff, das sich Gemeinde nennt“?

- Hier kennen wir uns aus.

- Hier kennt jeder jeden.

- Und jede hat hier ihren Platz.

- Außenbords fühlen wir uns eher fremd – zumindest was den Glauben betrifft.

- Draußen: - auf dem schwankenden See,

- jenseits dieser schützenden Mauer,

- außerhalb unserer Kirche und Gemeinde.

 

- Und nun: Raus aus dem Boot und auf Jesus zu?

- den Gespenstern entgegen?

- auf schwankendem Grund?

- auf die Gefahr hin, zu versinken?

 

- Draußen gibt es nasse Füßeaber auch eine Hand, die hält.

„Jesus aber streckte sogleich die Hand aus

und ergriff ihn und sprach zu ihm:


fürchtet euch nicht! ich bin es.“

- Habt Mut.

- Traut Euch raus.

- Manchmal wird es nasse Füße geben – aber auch eine Hand, die euch hält.

- Traut Euch!

- Auch wenn die Wellen hoch schlagen und die Gespenster frei herum laufen und toben.

- Schaut dem Böse frei ins Gesicht.

- Stellt euch euren Ängsten:

- „Das wird doch nie was!“

- „Das schaff ich nicht.“

- „Besser, alles bleibt beim Alten!“

- Schaut euren Ängsten frei ins Gesicht – und fürchtet euch nicht!

- Denn sie sind nur die halbe Wahrheit – höchstens.

- Die andere Wahrheit ist Gott - der gute Grund unseres Lebens, der da spricht:

„Seid getrost, ich bin's;
fürchtet euch nicht! Kommt her zu mir!

Und sie traten in das Boot
und der Wind legte sich.

Die aber im Boot waren,
fielen vor ihm nieder und sprachen: 


Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!“

Amen.

 

- Zu dieser Erkenntnis / In dieses Vertrauen führe uns alle

„der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus“  Amen.

Predigt von Pfr. Markus Schütte, Velten-Marwitz