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Predigten & Andachten

 

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Predigtreihe 2019 "Helden/Heldinnen der Bibel"

Abigail - 1. Samuel 25, Predigt von Nele Poldrack

Suche Frieden und jage ihm nach!

wie macht man das? Wie kommt man von Krieg zu Frieden? von der Gewohnheit, Böses mit Bösem zu vergelten zu einem versöhnlichen Verhalten?

Eine kluge Frau, von der uns im 1. Samuel-Buch erzählt wird, kann uns da was lehren. Eine Heldin, von der in der Bibel erzählt wird.

Erzählt wird eigentlich von David. Wie er durch verschiedene Erlebnisse und Wirren hindurch König wird. Die Geschichte spielt vor etwa dreitausend Jahren in der Nähe von Hebron, einem Ort, von dem wir heute in der Zeitung lesen, weil es dort oft zu bewaffneten Konflikten kommt.

  1. hören von zwei Männern, mächtigen Männern. Der eine heißt Nabal, sein Name bedeutet Tor, Dummkopf, und so begegnet er uns auch in der Geschichte. Er ist reich, besitzt dreitausend Schafe, tausend Ziegen und dazu viel Land. Dieser Besitz weckt die Gier des Andern, David. David ist noch nicht König, er befindet sich mit seinen Männern auf der Flucht vor König Saul. Eine Zeitlang hatte David für Saul die Harfe gespielt und damit dessen Depressionen gelindert. Dann stellte sich heraus, dass er auch ein guter Krieger war. So machte er Karriere am Königshof, bis er dem König eine ernsthafte Konkurrenz war. Da wollte Saul ihn unschädlich machen, und David musste fliehen. Er sammelte eine Freischärler-Truppe um sich. Die versuchten sich nützlich zu machen, indem sie –ungefragt - die Hirten des Reichen Nabal samt seinem Vieh beschützen. Dafür fordern sie Bezahlung. Nabal hatte David nie gesehen, und er ist nicht bereit, jemandem von dem er gar nicht genau wusste, ob das alles so stimmt, etwas von seinem Reichtum abzugeben. - es ist eine lange Geschichte, die ich etwas zusammenfassen muss. Es lohnt sich aber nachzulesen, wie sie im 1. Samuel Kap. 25 großartig beschrieben ist.

Nabal beschimpft David als herumlungernden Strolch, der seinem König davongelaufen sei. Worte, gezielt gesetzt, sind gewaltauslösend. Und ich kann mir vorstellen, was für eine Freude es Nabal gemacht hat, mit Worten genau in die wunde Stelle Davids zu treffen.

Gewalt: Der nächste Schritt: David lässt sich das nicht bieten. Schließlich muss er seine Leute ernähren und, was vielleicht noch wichtiger ist, er will sein Gesicht wahren. Auch dies ist ein Auslöser von Gewalt, sein Gesicht nicht verlieren zu wollen.

So fängt die Spirale des Verderbens an. Der Gewalt der Worte soll die Gewalt des Schwertes folgen.

Zwischen den beiden Männern gibt es keine Verständigung. Der Eine bleibt, wie der Drache Smaug in Herr der Ringe, auf seinem Reichtum sitzen. Der Andere will um jeden Preis etwas davon haben. Was nun?

Krieg natürlich, was denn sonst? Es ist immer dasselbe alte Muster, die alte Gewohnheit. Keiner verzichtet; es kommt zu Gewalt, wenn man seine eigenen Wünsche nicht anders durchsetzen kann. So eskaliert Gewalt, wir können es täglich aktuell in der Zeitung lesen oder sogar selbst mit erleben.

Darum befiehlt David seinen Leuten: „Gürte ein jeder sein Schwert!“ Und schon ziehen sie los. Mit 400 von seinen 600 Leuten zieht er zum Lager Nabals in Richtung Hebron. Ein Blutbad wird es auf jeden Fall geben. Schon der Philosoph Heraklit sagte, der Krieg sei der Vater aller Dinge, er bringe die Geschichte in Bewegung und schaffe neue Verhältnisse. manchmal habe ich das Gefühl, viele, auch unter uns Christen, nicken insgeheim diesem griechischen Philosophen zu.

Aber es gibt nicht nur Heraklit, nicht nur Nabal und David. Nabal hat eine Frau, sie heißt Abigail. Und manchmal sind Frauen klüger als Männer. In der Bibel wird ausdrücklich gesagt, sie sei nicht nur klug, sondern auch schön und mutig. Ich konnte sie ausfindig machen und hierher mit in diesen Gottesdienst bringen. Herzlich willkommen, Abigail!

Ja, guten Tag. Ihr wollt wissen, wie das damals war mit Nabal und David. Ja, das erzähle ich gern!

 

Mein Mann war bei der Schafschur in Karmel.

Da kam einer von unseren Hirten nach Hause.

Atmenlos erzählte er von David. Er hatte mit seinen Leuten unsere Herden beschützt. Jetzt beim Schafschurfest wollte er vom Festessen unserer Hirten auch etwas für seine Leute abhaben. Und Nabal, mein Mann, der alte Trottel, sagt doch wirklich: Wer ist David? – und tut so, als wäre David gar nicht ernst zu nehmen. Er wollte ihnen nichts geben.

Und so waren sie schon bewaffnet auf dem Weg zu unserem Haus.

Glaubt mir, das war gar nicht lustig. Das würde uns allen das Leben kosten.

Fieberhaft überlegte ich. Wenn überhaupt jemand, dann konnte ich noch etwas tun.

Ich musste mir was einfallen lassen.

Aber was?

Ich musste David und seinen Kriegern entgegengehen.

Einfach so? Sie würden mich gar nicht ernstnehmen.

Essen! Nabal hatte ihnen Essen verweigert! Vielleicht konnte ich sie mit Essen besänftigen.

Schnell buken wir Brote und Feigenkuchen und brieten Schaffleisch. Wir luden alles auf Lastesel, dazu alles was an Lebensmitteln da war: Wein, Fleisch und Rosinen.

Mit dieser Karawane zog ich los.

ich hoffte, dass sie sich an mir, einer Frau, nicht vergreifen würden. Und ich hoffte, dass ich die richtigen Worte finden würde.

Unglaublich. Du siehst, dass hier nur das Schlimmste zu erwarten ist. Und du gibst nicht auf. Du hättest zu Recht sagen können: das ist Männersache, da bin ich nicht zuständig. Jede andere hätte sich vielleicht in ihr Schicksal gefügt. Nein; Du entscheidest dich dazu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Für damalige Verhältnisse sehr ungewöhnlich, ja selbst für heutige Verhältnisse ist das nicht selbstverständlich.

Und dann bist du ihm entgegengegangen. David stößt also nicht auf Nabal und seine Bewaffneten, sondern auf dich, eine Frau - mit deinen Eseln, die beladen sind mit Köstlichkeiten.

Ja, sag Abigail, wie war das, als du David getroffen hast?

Ich war so aufgeregt! Ich wusste ja, dass es jetzt drauf ankam. Da stand er mir nun selbst gegenüber. Ich verneigte mich vor David ganz tief . Ich wollte alle Schuld auf mich nehmen. Ich hatte ja nichts zu verlieren. ich sagte: „Mein Herr, auf mich allein falle alle Schuld! Errege dich nicht über Nabal, diesen heillosen Menschen. Denn wie sein Name so ist er: Er heißt Tor, und Torheit ist bei ihm. Und ich, deine Magd, habe die Leute nicht gesehen, die du zu ihm gesandt hast.“

Ich höre das sehr aufmerksam. Du hast eine Schuld auf dich genommen, die du gar nicht hattest. Ist das ein erster Schritt zur Versöhnung?

Ich glaube, das war entwaffnend für David. Erstens eine Frau. Und zweitens eine, die Schuld bekennt.

Ist es nicht bei uns so oft das Problem, dass jemand nicht über die Lippen bekommt: „es ist meine Schuld – oder wenigstens: ich bin mit schuld“. Wie viele Ehen gehen deswegen kaputt, wie viele Menschen sterben deswegen unter Bomben und Granaten, weil so wenige bereit sind, Schuld auf sich zu nehmen?

Ja, das mag sein. – Aber ich wollte weiter erzählen.

Ich hörte mich dann ohne Punkt und Komma reden. Solange geredet wird, wird nicht getötet, dachte ich. Ich nahm nicht nur die Schuld auf mich. Viel besser noch : ich überzeugte David, dass es besser für ihn ist, wenn er nicht tötet, wenn er sich nicht für die Beleidigung rächt. ich sagte (ich weiß es noch wie heute):

„Nun aber, mein Herr, so wahr Gott, der Allmächtige, lebt, und so wahr du selbst lebst: Der Allmächtige hat dich davor bewahrt, in Blutschuld zu geraten und dir mit eigener Hand zu helfen.“

Das war genial. Du hast zum einen so getan, als wäre die Gefahr schon überstanden. Als hätte David schon beschlossen, sich nicht zu rächen. Und das andere: Du hast mitgedacht für David. Dass er sich schuldig macht beim Töten. Noch ist keiner tot. Aber Blutschuld verlangt Rache: der Krieg geht immer weiter. Eine endlose Kette von Rache entsteht. Dass dir das in dem Moment eingefallen ist!

Ja, es war wie eine Eingebung. Und trotzdem: Was meint ihr, wie mein Herz geklopft hat!

Und dann wurde ich auf einmal ganz ruhig. Ich kam mir vor wie eine Prophetin. Ich wusste nicht, woher die Worte kamen. Ich segnete David. Und auch das weiß noch genau. Ich sagte:

„Gott wird dir ein beständiges Haus bauen, denn du führst des Herrn Kriege. Es möge nichts Böses an dir gefunden werden dein Leben lang. Und wenn dich ein Mensch verfolgt und dich töten will, so wird Gott dein Leben bewahren.

Und stellt euch vor, ich hatte Erfolg. David verschonte uns.

David war gegenüber dem Sturkopf Nabal auch zum Sturkopf geworden . Jetzt kam er zur Einsicht.

Weil eine Frau darauf setzt, dass es gut ausgeht. Weil sie keine Angst hat. weil sie Schuld auf sich nimmt. Weil sie den Angreifer segnet. Weil sie Kuchen mitbringt. Welch eine Größe!

Wenn ihr wüsstet, wie ich gezittert habe! Natürlich habe ich mir das nicht anmerken lassen. Aber ich habe ja um mein und unser aller Leben geredet.

Ich bin sicher, Gott selbst hat mir die Worte gegeben.

Und Gott selbst hat auch dem David die Ohren geöffnet.

Er hat es mir geschenkt, für David mitzudenken. Dass es besser ist nicht zu töten. - Gott sei Dank, dass mir das mit dem Kuchen und dem Fleisch eingefallen ist. Und dass ich David entgegengegangen bin. Den Rest hat wohl Gott selbst gemacht. Und dass ich ihn segnen konnte – ja, da war eine große Kraft in mir, die nicht aus mir selbst kam. Als ich ihn gesegnet habe- das war nicht so dahingesagt, um meine Haut zu retten. Ich habe ganz tief im Inneren gespürt, dass dieser Mann gesegnet ist. Und dass unser Gott Frieden will und nicht Krieg.

Aber wie war das mit Nabal? Er war ja immerhin dein Ehemann. War er froh, dass du das gemacht hast? Oder wütend? Wie kamst du aus der ganzen Sache wieder raus?

 

Ja, das war auch gruselig. Ich hatte keine Ahnung, wie die Sache ausgehen würde. Aber auch da hat Gott mir geholfen. Als ich wieder nach Hause kam, fand ich meinen Mann bei einem rauschenden Fest stockbesoffen. Als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, erzählte ich ihm alles haarklein.

Was habe ich gezittert. Denn Nabal war zu allem fähig.

Aber in dem Moment konnte er gar nichts mehr tun. In der Bibel steht: „Da erstarb das Herz in seinem Leib, und er wurde wie ein Stein. Und nach zehn Tagen schlug ihn der Herr, dass er starb.“

 

Die Geschichte endet wie ein Märchen: Der Böse wird bestraft. David holt Abgail in sein Bett. Wobei die Bibel realistischerweise anfügt, dass sie nicht die einzige war. Aber das ist eine andere Geschichte. Vielen Dank, Abigail, dass du heute bei uns warst!

 

Wenn wir die Geschichte von Abigail als eine Geschichte vom Frieden-Stiften lesen, dann können wir uns von ihr etwas abgucken:

  • solange geredet wird, wird nicht getötet.
  • Die Lage – die womöglich schon heftig eskaliert ist - klar in den Blick nehmen und uns nichts vormachen
  • Die Hilfe nicht von anderen erwarten sondern selbst handeln
  • Die eigenen Kräfte und Möglichkeiten wahrnehmen und bewusst einsetzen
  • keine Furcht haben und mutig den ersten Schritt machen
  • Gott vertrauen
  • für das Gegenüber mitdenken
  • ungewöhnliche Problemlösungen versuchen – Rosinenkuchen ist nicht die schlechteste
  • auch mal Schuld auf sich nehmen – ohne Angst

Also, schauen wir, wo wir dem Frieden helfen können.

Nehmen wir uns ein Beispiel an Abigail! Amen

 

Bileams Esel

4. Mose 22-24

von Diakonin und Prädikantin Hildegard Seifert, Gemeinde Kremmen

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Leserinnen und Leser,

zunächst bitte ich Sie, die Bibel zur Hand zu nehmen und das 4. Buch Mose aufzuschlagen und bis ins 22.Kapitel zu blättern.

Jetzt möchte ich Sie verführen, in eine Zeit mitzukommen, die weit, weit zurückliegt und uns nach Mesopotamien führt, an einen Ort namens Petor. Wir befinden uns um 1300/1200 v. Chr. Hier lebt ein Mann. Bileam heißt er. Er verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten. Er besitzt die Gabe zu segnen oder zu verfluchen. Er gehört nicht zu Israel. Zum einen wird er als Prophet bezeichnet, zum anderen als Seher, Magier, als Zauberer. Wie dem auch sei, er gehört zu den angesehensten Männern. Er ist bekannt, seriös, gut ausgebildet, also keiner von den Möchtegern- Magiern. Sein guter Ruf geht weit über seinen Wirkungskreis hinaus. Er spielt in der Heldengeschichte eine große Rolle. So viel erst einmal zu Bileam.

Nun werfen wir einen Blick auf das Volk Israel. Erinnern wir uns. Seitdem Mose es auf Gottes Geheiß aus Ägypten heraus in die Freiheit geführt hat, befindet es sich auf Wanderschaft. Das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen, ist das Ziel. Es liegt noch in weiter Ferne. Es zieht durch Gebiete, die nicht unbewohnt sind. Die Völker, die sich dort niedergelassen haben, tragen wohlklingende Namen: Amoriter, Midianiter, Moabiter. Immer wieder kommt es zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Völker fühlen sich bedroht, auch dann, wenn die Israeliten nur durchziehen wollen. Immer wieder erfährt das Volk Gottes Hilfe. Immer wieder entgeht es der Vernichtung. Und es schlägt zurück, mit aller Härte. Die Israeliten siegen, besetzen das Land, vertreiben die Bevölkerung. Sie ziehen weiter und kommen den Moabitern gefährlich nahe. Balak, der König von Moab ist bestens informiert, auch ohne E- Mail-Account und Internet. Nicht nur Angst, sondern das Grauen breitet sich unter den Moabitern aus. Sie wissen, was ihnen bevorsteht: Nun wird dieser Haufen ringsum alles abfressen, wie das Rind das Grün des Feldes abfrisst. Was tun?

Hier setzt unsere Heldengeschichte ein.

Lesen: 4b-8

  1. Bileam ist es selbstverständlich, denn Atheisten in unserem Verständnis gab es nicht, dass seine Gabe nichts mit seinem Wissen und Können zu tun hat, sondern ein göttliches Geschenk bedeutet. Er gehört nicht zu den Israeliten, aber natürlich glaubt er an einen Gott und zu ihm will er Kontakt aufnehmen und seine Meinung einholen. Gottes Volk steht wieder einmal vor einer gefährlichen Situation. Doch Gott kümmert sich um sein Volk. Er, der Gott Israels redet mit Bileam, vielleicht in einem Traum. Träume und ihre Deutung spielen bis heute im Orient eine große Rolle. Auch wir wissen um eine Traumdeutung. Träume sind durchaus nicht nur Schäume. Was sagt nun Gott? Zunächst fragt er nach: 9-13

Das ist eine klare Ansage und viel mehr als das. Es liegt Gottes Segen auf dem Volk. Niemand kann ihm etwas anhaben. ES steht unter Gottes Schutz. Es ist SEIN Volk. Bileam versteht und entsprechend entlässt er die Boten: 13+14

Doch Balak gibt sich damit nicht zufrieden. Zu groß nistet die Angst in ihm. Es muss doch gelingen, Bileam zu überreden und die bedrohliche Situation abzuwenden. Er schickt Boten mit einer höheren Kompetenz, mit einem höheren Rang zu Bileam- eine vielversprechende Strategie. Und sie haben Gewichtiges im Gepäck, mehr als nur ein Bestechungsgeld: 17

Bileam bleibt zunächst resistent gegen das verlockende Angebot. Doch hält er sich da ein Hintertürchen offen? Er bittet auch die königlichen Boten über Nacht zu bleiben. Er will mit Gott reden. Hofft er auf eine andere Antwort? Denkt er, Gott würde vielleicht doch von seiner eindeutigen Anweisung abweichen und ein Schlupfloch für ihn lassen? Zunächst sieht das so aus. Gott gibt sein Einverständnis. Bileam kann mit den Männern mitgehen. Doch es gibt eine Bedingung: Bileam soll nur das tun, was Gott ihm sagen wird. Bileam setzt dem nichts entgegen. Göttliche Weisung ist göttliche Weisung. Doch merkwürdig ist dieser Vers schon. Mit unserem menschlichen Denken setzen wir ein dickes Fragezeichen. Warum weicht Gott von seiner ersten klaren Ansage ab und lässt Bileam doch ziehen?

Hier begeben wir uns mal auf einen Nebenweg, in die Bibelwissenschaft. Dieser Bruch kann mit der Entwicklungsgeschichte dieses Textes zu tun haben. Wahrscheinlich liegt eine Grunderzählung vor, die immer wieder bearbeitet wurde. Es gibt also mehrere Textschichten. Auch gibt es einen außerbiblischen Fund. 1967 fand man bei Ausgrabungen im Ostjordanland die Fragmente einer Inschrift, die auf Bileam hinweisen. Damals gab es so etwas wie ein Urheberrecht nicht. Spannend.

Jetzt tauchen wir aber schnell wieder in die Geschichte ein. Gott hat sozusagen die Zügel in der Hand und Bileam die Zügel seines Esels: Und am Morgen stand Bileam auf, sattelte seine Eselin und ging mit den Fürsten Moabs.

Nun wird es noch verrückter: Gott war einverstanden, dass Bileam mitgeht, aber jetzt reagiert er ganz anders. Gott wird zornig und schickt einen Boten, einen Engel los. Der soll sich Bileam in den Weg stellen. Bleiben wir in der Geschichte und lassen die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft außen vor, dann stellt sich die Frage: Will Gott Bileam auf die Probe stellen? Bileam handelt nach der Weisung Gottes. Die göttliche Kraft führt ihn. Will Gott das abklopfen? Jetzt steigt die Spannung. Ein Engel, kein lieblicher, strahlender, sondern ein Engel in Drohgebärde baut sich auf. Soll er der Held sein?

Eine neue Figur betritt den Schauplatz. Gucken wir uns mal den Esel, hier eine Eselin genauer an. „Ich und du, Müllers Kuh, Müllers Esel, das bist du“- ein Abzählreim, nicht sehr schmeichelhaft für den, den es trifft- ein dummer Esel.

Esel gehören zu den ältesten Haustieren. Als Lasttiere, lange vor dem Kamel überwinden sie schwieriges Gelände. Durch sie wurde auch der Langstreckenhandel möglich. Sie sind sehr belastbar und zäh. Wer einen Esel besaß, schätzte ihn, pflegte ihn gut. Er war ein Hausgenosse, lebte in enger Gemeinschaft mit der Familie. Der Esel galt ebenfalls als ein weises Tier, ein Tier des Friedens. Jesus zog nicht zufällig auf einem Esel in Jerusalem ein. Er kam als Friedefürst. Bileams Esel ist also bereit für den Weg. 22-35

Nicht zufällig erkennt Bileams Esel die tödliche Bedrohung für seinen Herrn. Obwohl Bileam eine prophetische Gabe besitzt, versagt diese hier. Der Verlauf der Geschichte erinnert an ein Märchen, in dem Tiere reden und die Zahl 3 eine große Rolle spielt. Ein Märchen, eine Märe, ein Märlein ist nichts anderes als eine kleine Geschichte, die mit ihren eigenen Mitteln vom Leben erzählt. Hier wird ebenfalls vom Leben erzählt, vom Leben mit Gott. Nur das ist der Unterschied. Also ist es nicht verwunderlich, dass der Esel eine Stimme erhält. Trotz aller Widerstände, auch als er misshandelt wird, bleibt er seinem Herrn treu. Aber an dieser Stelle wehrt er sich auch und gleichzeitig werden Bileam die Augen geöffnet, wohlgemerkt von Gott, nicht aus eigener Erkenntnisfähigkeit. Bileams Esel zeigt sich weiser als du, Bileam. Er hat dich gerettet. Du, Bileam musst das tun, was ich dir sage. Du wirst mein Volk nicht verfluchen, du wirst mein Volk segnen!

Eine starke Geschichte mit einem Hin und Her zwischen Bileam und Gott. Gott zeigt sich in seiner Stärke, seiner Macht. Er treibt Bileam vor sich her. Mal lässt er die Zügel lockerer, mal zieht er sie wieder an bis er ihn festzurrt, so fest, dass Bileam in Todesgefahr gerät. Er, der Magier mit der außerordentlichen Gabe schätzt seine Situation völlig falsch ein, handelt unangemessen, ja selbstmörderisch- eine groteske Situation.

Wünschen wir uns nicht manchmal so einen Gott, der machtvoll eingreift, der Kriege stoppt, dem Klimawandel ein Ende bereitet? Schreien wir da nicht nach einem machtvollen Führer, der uns aus der Verantwortung entlässt? Aber so hat uns Gott nicht erschaffen. Er hat uns mit entsprechenden Fähigkeiten ausgestattet, mit Verstand und Herz, nicht als Marionetten. Ich glaube, er zeigt uns deutlich, wohin wir steuern und wir können nur hoffen, dass es genug Esel gibt, uns mit eingeschlossen.

  1. Geschichte an sich ist hier längst nicht beendet. Wie wäre es denn? Bereiten Sie sich einen duftenden Tee, setzen Sie sich mit der Bibel in den Sessel und vertiefen Sie sich in das 4. Buch Mose, in die Kapitel 22-24.

Es bleibt zum Schluss nun die Frage: Wer ist denn nun der Held?

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Diakonin und Prädikantin Hildegard Seifert, Gemeinde Kremmen

Predigt zur Predigtreihe „Helden der Bibel“, Jakob

- Erinnern Sie sich, liebe Gemeinde?

- Erinnern Sie sich an die Schwalbe, die da fliegt...

... über den Erie-See,

Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;

von Detroit fliegt sie nach Buffalo -

die Herzen aber sind frei und froh.?

- Erinnern Sie sich, liebe Gemeinde? So klingen Helden-Geschichten.

- Sie erzählen von Ruhm + Preis + Ehre.

- Sie künden von Mut + Opfer + Sieg für die gute Sache - wenn auch zu einem hohen Preis:

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt's

mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt's!“

Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,

jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.

Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.

Rettung: der Strand von Buffalo!

 

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.

Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n

himmelan aus Kirchen und Kapell'n,

 

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,

mit Blumen schließen sie das Grab,

und mit goldner Schrift in den Marmorstein

schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

 

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand

hielt er das Steuer fest in der Hand,

er hat uns gerettet, er trägt die Kron,

er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

- Erinnern Sie sich, liebe Gemeinde?

- So klingen Helden-Geschichten.

- Sie erzählen von Ruhm + Preis + Ehre.

- Sie künden von Mut + Opfer + Sieg + Sieg für die gute Sache.

 

- Und nun ausgerechnet Jakob: ein „Held der Bibel“?

- Ausgerechnet Jakob? Der Hinterhältige / das Schlitzohr?

- Schon im Mutterleib versucht er, sich vor seinen Bruder zu drängeln, indem er seine Ferse ergreift. („Jakob“ - der Fersengrabscher)

- Ausgerechnet Jakob,

- der seinem Bruder, dem Tölpel, das Erstgeburtsrecht abluchst;

- der später die Hilflosigkeit des Vaters ausnutzt und den Bruder auch noch um den Erstgeburts-Segen betrügt.

- Später wird er selbst von seinem Schiegervater betrogen - und betrügt diesen wieder.

- Jakob, der Lügner und betrogene Betrüger.

- Er wird bevorzugt von der Mutter, die ihm hilft, den altersschwachen Vater zu hintergehen.

- So wird er selbst später Joseph und Benjamin -die Söhne seiner Lieblings-frau- seinen anderen Söhnen vorziehen.

- Was für eine Seifenoper, liebe Gemeinde?!

- Was für eine Geschichte des Hintergehens / der ungerechten Bevor-zugung und der kalten Berechnung.

- Ausgerechnet Jakob - ein „Held der Bibel“?

 

- Und Gott, der Allmächtige und Gerechte?

- Fährt er hernieder in heiligem Zorn und legt Jakob -dem Lügner + Betrüger vor dem Herrn- das Handwerk?

- Mitnichten!

- Stattdessen lässt er sich sehen von den Augen des Listigen

- damals, auf der Flucht vor dem Zorn der betrogenen Bruders.

- im nächtlichen Traum von der Himmelsleiter

„... und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.“

- Gott wartet nicht darauf, dass einer mit wachen Augen + reinem Herzen kommt.

- Vielmehr verspricht er sich dem Hinterlistigen beinahe, wie sich eine Braut dem Mann ihres Herzens verspricht:

„Siehe, ich bin mit Dir und will Dich behüten;

und durch Dich sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“

 

- Und Jakob?

- Er reagiert eher kühl auf das Erscheinen Gottes.

- Er salbt zwar den Stein, an dem er geschlafen hatte, „und nannte die Stätte Bethel, Haus Gottes.“

- Das Gelübde aber, das er dann ablegt, hat nicht die Intensität + Innigkeit des Versprechens und der Zuneigung Gottes:

„Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen

und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen,

so soll der HERR mein Gott sein.“

- Jakob, das Schlitzohr, knüpft seinen Glauben + seine Treue an Bedingungen.

- Gott verspricht ihm seinen Segen - ohne Wenn und Aber.

- Jakobs Frömmigkeit aber ist ihm Mittel zum Zweck - wie vor Zeiten das Linsengericht.

- Dann dient Jakob als Knecht im fremden Land.

- Dort wird er ein reicher Mann / ein erfolgreicher Viehzüchter.

- Was er anfasst, wird zu Gold.

- Geschäftlich wie privat: Von 4 Frauen hat Jakob 12 Kinder, 11 Söhne und 1 Tochter.

 

- Und heute nun kehrt er zurück in die alte Heimat.

- Und wenn er sich umdreht + zurückblickt, dann reicht seine Karawane mit den Herden fast bis zum Horizont.

- Ein halbes Leben voller Segen.

- Doch das liegt nun hinter ihm, und vor ihm, unten im Tal, sieht er in der Abenddämmerung den Grenzfluss, den Jabbok.

- Dort drüben liegt das andere halbe Leben – und dort lebt sein Bruder Esau.

- Jakob hört, dass dieser ihm mit einer Kriegsschar entgegenzieht.

- Er fürchtet sich und betet:

„HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue,

die du an deinem Knechte getan hast;

denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, als ich hier über den Jordan ging, und nun sind aus mir zwei Lager geworden.

Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus;

denn ich fürchte mich vor ihm, dass er komme und schlage mich,

die Mütter samt den Kindern.“

- Nein, es ist vielleicht nicht das reinste Gebet, das jemand sprechen kann.

- Es ist aus der Angst geboren.

- „Not lehrt beten“, heißt es.

- Dass Angst glauben lehrt, davon ist nicht die Rede.

- Aber etwas wenigstens hat Jakob schon gelernt in seiner Angst:

Er beruft sich nicht mehr auf sich selbst.

„Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue,

die du an deinem Knechte getan hast.“

- Jakob baut sich nicht auf vor Gott, nicht einmal als reuiger Sünder.

- Er argumentiert mit nichts anderem als der grundlosen Barmherzigkeit Gottes.

- Gnade hat keinen Grund - außer der Gnade.

- Jakob argumentiert mit seiner Armut: „Ich bin zu gering“

+ lernt die große Kunst der Bedürftigkeit.

- Er verliert sein Gesicht vor der Güte, die ihn geführt hat,

+ lernt, dass er nichts mehr vorzuweisen hat.

- Er spricht wie der Zöllner im Evangelium:

„Herr, sei mir Sünder gnädig!“

- Vielleicht ist dies das besonders Protestantische an Jakob: Er hat jedes Recht auf Berufung vor diesem Gott aufgegeben.

- Die letzte Hinterlist ist ihm abhanden gekommen.

- Das Schlitzohr hat seine Schläue verloren.

- Er weiß nur das eine: „Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue.“

- Vielleicht -liebe Gemeinde- ist es überhaupt die größte menschliche Größe, die man sich denken kann: zu seiner eigenen Bedürftigkeit zu stehen.

- In dieser Größe kann man nicht groß sein.

- Man ist -wie Jakob- „zu gering“ und angewiesen auf die Barmherzigkeit und Treue anderer - Gottes und der Menschen.

- Erst bedürftige Menschen sind gewaltlose Menschen.

- So ist das Eingeständnis der Bedürftigkeit die Möglichkeit der Versöhnung mit Esau - dem verfeindeten Bruder.

„Bald wird die Zeit kommen, dass man um meinen Vater trauern wird,

dann will ich meinen Bruder Jakob töten“, hatte der einst geschworen.

- Hals über Kopf war er abgehauen damals, weit weg.

- Seitdem ist viel passiert.

- Ein halbes Leben voller Segen.

- Doch das liegt nun hinter ihm.

 

- Und vor ihm, unten im Tal, sieht er in der Abenddämmerung den Grenzfluss, den Jabbok.

- Dort drüben liegt das andere halbe Leben –sein Bruder Esau.

- Weit weg war das alles - und jetzt ist es wieder ganz nah/unheimlich nah.

- In der Nacht, die jetzt hereinbricht, wird aus diesen beiden halben Leben wieder ein ganzes.

„Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen

und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok und führte sie über das Wasser,

sodass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück.

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.

Und als er sah, dass er ihn nicht überwinden konnte,

schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.

Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.

Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Er aber sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob.

Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel;

denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach:

Sage doch, wie heißt du?

Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße?

Und er segnete ihn daselbst.

Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und mein Leben wurde gerettet.

Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf;

und er hinkte an seiner Hüfte.

 

- Es ist Nacht, Jakob ist allein – und plötzlich ist da noch einer / ein ‚Mann‘.

- Und der greift ihn an!

(Meine Drittklässler haben an dieser Stelle gekreischt vor Schreck:

„Das ist Esau! Das ist Esau!“)

- Ja, vielleicht hat sogar Jakob selbst das im ersten Moment gedacht.

- Den ganzen Tag über verfolgt ihn schon die Erinnerung an seinen Bruder.

- Aber schnell wird Jakob klar: Dieser ‚Mann‘, der ihn da gepackt hat, ist kein gewöhnlicher Mensch.

- Die ganze Nacht lang ringen die beiden miteinander.

- Keiner will / keiner kann aufgeben.

- Das ganze Leben steht auf dem Spiel.

- Bis die Morgenröte hereinbricht.

„Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.“

- So lichtscheu? Wer kann das sein?

- Der Erzähler gibt keine Antwort.

- Aber Jakob selbst scheint längst begriffen zu haben, wer ihn da gepackt hat – und lässt ihn nun nicht mehr los.

„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“

- Und da trifft sie ihn, wie ein Schlag, die schlichte Frage: „Wie heißt du?“

- „Jakob“, antwortet er nur, „ich heiße Jakob.“

- Dieser Name ist zweideutig:

- Jakob kann heißen der Zweitgeborene;

- es kann heißen der Hinterhältige.

- Der verliehene Name befreit Jakob aus seiner Zweideutigkeit.

- „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel.“

- Israel: der Gotteskämpfer/ der Aufrechte.

- Du musst nicht mehr davonlaufen - vor deinem Betrug

- vor deinem Bruder

- vor Dir selbst.

- Du musst dich nicht mehr selbst rechtfertigen.

- Ich -Gott- spreche dich gerecht.

„Und er segnete ihn daselbst.“

- Aber die Vergebung und die neue Eindeutigkeit - sie haben ihren Preis - Jakob wird ein Gezeichneter und Geschlagener bleiben - zeit Lebens.

 

- Vieles bleibt dieser Nacht im Zwielicht, liebe Gemeinde.

- Die - Geschichte dieser Nacht am Jabbok /

- die Erzählung von der Grenz-Erfahrung unseres biblischen Anti- Helden Jakob

sie lässt mehr Fragen offen als sie Antworten gibt.

- Aber wir haben nicht mehr als das Geheimnis dieser Geschichte.

- Weder Jakob noch der dunkle Fremde können siegen.

- Mit Siegen ist nichts mehr gewonnen.

- Zurück bleibt - ein Gesegneter + Geschlagener zugleich;

- einer, der Gott gesehen + doch überlebt hat.

- Zurück bleibt - einer, der mit sich + der Welt gerungen hat,

- einer, - der gelogen + betrogen hat,

- der geflohen + zurückgekehrt ist,

- der Schuld auf sich geladen hat + am Ende doch

gesegnet wird

 

- Erinnern Sie sich, liebe Gemeinde, wie Helden-Geschichten klingen?

„Und mit goldner Schrift in den Marmorstein

„schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein.“

- Ist Jakob ein Held / ein „Held der Bibel“?

- Bis hierher sicher nicht.

 

- Aber nun, da die Sonne aufgeht, geht er seinem Bruder entgegen.

- Aufrecht, mit festem Schritt.

- Und dann geschieht es.

- Jakob verbeugt sich / nein, er wirft sich zu Boden.

- Der Länge nach liegt er da, vor seinem Bruder.

- Er steht wieder auf, geht weiter– und wirft sich erneut zu Boden.

- 2 x, 3 x, 4 x, 5 x, 6 x – immer weiter geht Jakob auf Esau zu + immer wieder fällt er seinem Bruder zu Füßen.

- Inzwischen hat Esau zu laufen begonnen/er rennt seinem Bruder entgegen.

- Ein 7. Mal noch wirft sich Jakob ihm zu Füßen, dann hat er ihn erreicht.

- Esau fällt seinem Bruder um den Hals, er küsst ihn - wie der Vater dem verlorenen Sohn.

- Die Brüder sehen einander an + sie weinen.

- Später, nach dem großen Hallo, wird Jakob noch einmal ganz still.

- Leise sagt er zu seinem Bruder:

„Esau, heute habe ich dein Angesicht gesehen,

wie man das Angesicht Gottes sieht.“

- Er kann immer noch nicht fassen, was geschehen ist / wie ein Wunder erscheint es ihm:

- Und es ist ja auch ein Wunder - und dieses Wunder heißt Versöhnung.

- In diesem Moment wird es tatsächlich sichtbar:

- das Geheimnis /

- der gute Grund unseres Lebens /

- das Angesicht Gottes.

- Jakob, der Lügner, erblickt es, als er in das Gesicht seines Bruders schaut.

- Denn „Wie ein Regen in der Wüste, frischer Tau auf dürrem Land,

Heimatklänge für Vermisste, alte Feinde Hand in Hand.

So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein,

So ist Versöhnung, so ist Vergeben und Verzeihn.“

- Ist Jakob ein Held, liebe Gemeinde?

- Ich weiß es nicht - kein klassischer vermutlich.

- Aber er ist ein Mensch,

- der sein Leben lebt + von diesem gezeichnet wird,

- der mit seinem Gott ringt + von diesem gesegnet wird.

- der schuldig wird + die Kraft zur Versöhnung findet + im Gesicht seines Bruders den Grund seines Lebens entdeckt.

- Ist Jakob ein Held? Vielleicht nicht.

- Nur ein Mensch - wie Du und ich.

  • Mehr braucht es eigentlich nicht, liebe Gemeinde.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft,

  1. bewahre Eure Herzen und Sinn in Christus Jesus.

Amen.

Predigt zur Predigtreihe „Helden der Bibel“, Jakob

von Pfarrer Markus Schütte

- Erinnern Sie sich, liebe Gemeinde?

- Erinnern Sie sich an die Schwalbe, die da fliegt...

... über den Erie-See,

Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee;

von Detroit fliegt sie nach Buffalo -

die Herzen aber sind frei und froh.?

- Erinnern Sie sich, liebe Gemeinde? So klingen Helden-Geschichten.

- Sie erzählen von Ruhm + Preis + Ehre.

- Sie künden von Mut + Opfer + Sieg für die gute Sache - wenn auch zu einem hohen Preis:

„Noch da, John Maynard?“ Und Antwort schallt's

mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt's!“

Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,

jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein.

Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.

Rettung: der Strand von Buffalo!

 

Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.

Gerettet alle. Nur einer fehlt!

Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n

himmelan aus Kirchen und Kapell'n,

 

Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,

mit Blumen schließen sie das Grab,

und mit goldner Schrift in den Marmorstein

schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:

 

„Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand

hielt er das Steuer fest in der Hand,

er hat uns gerettet, er trägt die Kron,

er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.

- Erinnern Sie sich, liebe Gemeinde?

- So klingen Helden-Geschichten.

- Sie erzählen von Ruhm + Preis + Ehre.

- Sie künden von Mut + Opfer + Sieg + Sieg für die gute Sache.

 

- Und nun ausgerechnet Jakob: ein „Held der Bibel“?

- Ausgerechnet Jakob? Der Hinterhältige / das Schlitzohr?

- Schon im Mutterleib versucht er, sich vor seinen Bruder zu drängeln, indem er seine Ferse ergreift. („Jakob“ - der Fersengrabscher)

- Ausgerechnet Jakob,

- der seinem Bruder, dem Tölpel, das Erstgeburtsrecht abluchst;

- der später die Hilflosigkeit des Vaters ausnutzt und den Bruder auch noch um den Erstgeburts-Segen betrügt.

- Später wird er selbst von seinem Schiegervater betrogen - und betrügt diesen wieder.

- Jakob, der Lügner und betrogene Betrüger.

- Er wird bevorzugt von der Mutter, die ihm hilft, den altersschwachen Vater zu hintergehen.

- So wird er selbst später Joseph und Benjamin -die Söhne seiner Lieblings-frau- seinen anderen Söhnen vorziehen.

- Was für eine Seifenoper, liebe Gemeinde?!

- Was für eine Geschichte des Hintergehens / der ungerechten Bevor-zugung und der kalten Berechnung.

- Ausgerechnet Jakob - ein „Held der Bibel“?

 

- Und Gott, der Allmächtige und Gerechte?

- Fährt er hernieder in heiligem Zorn und legt Jakob -dem Lügner + Betrüger vor dem Herrn- das Handwerk?

- Mitnichten!

- Stattdessen lässt er sich sehen von den Augen des Listigen

- damals, auf der Flucht vor dem Zorn der betrogenen Bruders.

- im nächtlichen Traum von der Himmelsleiter

„... und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.“

- Gott wartet nicht darauf, dass einer mit wachen Augen + reinem Herzen kommt.

- Vielmehr verspricht er sich dem Hinterlistigen beinahe, wie sich eine Braut dem Mann ihres Herzens verspricht:

„Siehe, ich bin mit Dir und will Dich behüten;

und durch Dich sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“

 

- Und Jakob?

- Er reagiert eher kühl auf das Erscheinen Gottes.

- Er salbt zwar den Stein, an dem er geschlafen hatte, „und nannte die Stätte Bethel, Haus Gottes.“

- Das Gelübde aber, das er dann ablegt, hat nicht die Intensität + Innigkeit des Versprechens und der Zuneigung Gottes:

„Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen

und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen,

so soll der HERR mein Gott sein.“

- Jakob, das Schlitzohr, knüpft seinen Glauben + seine Treue an Bedingungen.

- Gott verspricht ihm seinen Segen - ohne Wenn und Aber.

- Jakobs Frömmigkeit aber ist ihm Mittel zum Zweck - wie vor Zeiten das Linsengericht.

- Dann dient Jakob als Knecht im fremden Land.

- Dort wird er ein reicher Mann / ein erfolgreicher Viehzüchter.

- Was er anfasst, wird zu Gold.

- Geschäftlich wie privat: Von 4 Frauen hat Jakob 12 Kinder, 11 Söhne und 1 Tochter.

 

- Und heute nun kehrt er zurück in die alte Heimat.

- Und wenn er sich umdreht + zurückblickt, dann reicht seine Karawane mit den Herden fast bis zum Horizont.

- Ein halbes Leben voller Segen.

- Doch das liegt nun hinter ihm, und vor ihm, unten im Tal, sieht er in der Abenddämmerung den Grenzfluss, den Jabbok.

- Dort drüben liegt das andere halbe Leben – und dort lebt sein Bruder Esau.

- Jakob hört, dass dieser ihm mit einer Kriegsschar entgegenzieht.

- Er fürchtet sich und betet:

„HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue,

die du an deinem Knechte getan hast;

denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, als ich hier über den Jordan ging, und nun sind aus mir zwei Lager geworden.

Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus;

denn ich fürchte mich vor ihm, dass er komme und schlage mich,

die Mütter samt den Kindern.“

- Nein, es ist vielleicht nicht das reinste Gebet, das jemand sprechen kann.

- Es ist aus der Angst geboren.

- „Not lehrt beten“, heißt es.

- Dass Angst glauben lehrt, davon ist nicht die Rede.

- Aber etwas wenigstens hat Jakob schon gelernt in seiner Angst:

Er beruft sich nicht mehr auf sich selbst.

„Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue,

die du an deinem Knechte getan hast.“

- Jakob baut sich nicht auf vor Gott, nicht einmal als reuiger Sünder.

- Er argumentiert mit nichts anderem als der grundlosen Barmherzigkeit Gottes.

- Gnade hat keinen Grund - außer der Gnade.

- Jakob argumentiert mit seiner Armut: „Ich bin zu gering“

+ lernt die große Kunst der Bedürftigkeit.

- Er verliert sein Gesicht vor der Güte, die ihn geführt hat,

+ lernt, dass er nichts mehr vorzuweisen hat.

- Er spricht wie der Zöllner im Evangelium:

„Herr, sei mir Sünder gnädig!“

- Vielleicht ist dies das besonders Protestantische an Jakob: Er hat jedes Recht auf Berufung vor diesem Gott aufgegeben.

- Die letzte Hinterlist ist ihm abhanden gekommen.

- Das Schlitzohr hat seine Schläue verloren.

- Er weiß nur das eine: „Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und Treue.“

- Vielleicht -liebe Gemeinde- ist es überhaupt die größte menschliche Größe, die man sich denken kann: zu seiner eigenen Bedürftigkeit zu stehen.

- In dieser Größe kann man nicht groß sein.

- Man ist -wie Jakob- „zu gering“ und angewiesen auf die Barmherzigkeit und Treue anderer - Gottes und der Menschen.

- Erst bedürftige Menschen sind gewaltlose Menschen.

- So ist das Eingeständnis der Bedürftigkeit die Möglichkeit der Versöhnung mit Esau - dem verfeindeten Bruder.

„Bald wird die Zeit kommen, dass man um meinen Vater trauern wird,

dann will ich meinen Bruder Jakob töten“, hatte der einst geschworen.

- Hals über Kopf war er abgehauen damals, weit weg.

- Seitdem ist viel passiert.

- Ein halbes Leben voller Segen.

- Doch das liegt nun hinter ihm.

 

- Und vor ihm, unten im Tal, sieht er in der Abenddämmerung den Grenzfluss, den Jabbok.

- Dort drüben liegt das andere halbe Leben –sein Bruder Esau.

- Weit weg war das alles - und jetzt ist es wieder ganz nah/unheimlich nah.

- In der Nacht, die jetzt hereinbricht, wird aus diesen beiden halben Leben wieder ein ganzes.

„Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen

und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok und führte sie über das Wasser,

sodass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück.

Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.

Und als er sah, dass er ihn nicht überwinden konnte,

schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.

Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.

Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Er aber sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob.

Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel;

denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. Und Jakob fragte ihn und sprach:

Sage doch, wie heißt du?

Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße?

Und er segnete ihn daselbst.

Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und mein Leben wurde gerettet.

Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf;

und er hinkte an seiner Hüfte.

 

- Es ist Nacht, Jakob ist allein – und plötzlich ist da noch einer / ein ‚Mann‘.

- Und der greift ihn an!

(Meine Drittklässler haben an dieser Stelle gekreischt vor Schreck:

„Das ist Esau! Das ist Esau!“)

- Ja, vielleicht hat sogar Jakob selbst das im ersten Moment gedacht.

- Den ganzen Tag über verfolgt ihn schon die Erinnerung an seinen Bruder.

- Aber schnell wird Jakob klar: Dieser ‚Mann‘, der ihn da gepackt hat, ist kein gewöhnlicher Mensch.

- Die ganze Nacht lang ringen die beiden miteinander.

- Keiner will / keiner kann aufgeben.

- Das ganze Leben steht auf dem Spiel.

- Bis die Morgenröte hereinbricht.

„Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.“

- So lichtscheu? Wer kann das sein?

- Der Erzähler gibt keine Antwort.

- Aber Jakob selbst scheint längst begriffen zu haben, wer ihn da gepackt hat – und lässt ihn nun nicht mehr los.

„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“

- Und da trifft sie ihn, wie ein Schlag, die schlichte Frage: „Wie heißt du?“

- „Jakob“, antwortet er nur, „ich heiße Jakob.“

- Dieser Name ist zweideutig:

- Jakob kann heißen der Zweitgeborene;

- es kann heißen der Hinterhältige.

- Der verliehene Name befreit Jakob aus seiner Zweideutigkeit.

- „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel.“

- Israel: der Gotteskämpfer/ der Aufrechte.

- Du musst nicht mehr davonlaufen - vor deinem Betrug

- vor deinem Bruder

- vor Dir selbst.

- Du musst dich nicht mehr selbst rechtfertigen.

- Ich -Gott- spreche dich gerecht.

„Und er segnete ihn daselbst.“

- Aber die Vergebung und die neue Eindeutigkeit - sie haben ihren Preis - Jakob wird ein Gezeichneter und Geschlagener bleiben - zeit Lebens.

 

- Vieles bleibt dieser Nacht im Zwielicht, liebe Gemeinde.

- Die - Geschichte dieser Nacht am Jabbok /

- die Erzählung von der Grenz-Erfahrung unseres biblischen Anti- Helden Jakob

sie lässt mehr Fragen offen als sie Antworten gibt.

- Aber wir haben nicht mehr als das Geheimnis dieser Geschichte.

- Weder Jakob noch der dunkle Fremde können siegen.

- Mit Siegen ist nichts mehr gewonnen.

- Zurück bleibt - ein Gesegneter + Geschlagener zugleich;

- einer, der Gott gesehen + doch überlebt hat.

- Zurück bleibt - einer, der mit sich + der Welt gerungen hat,

- einer, - der gelogen + betrogen hat,

- der geflohen + zurückgekehrt ist,

- der Schuld auf sich geladen hat + am Ende doch

gesegnet wird

 

- Erinnern Sie sich, liebe Gemeinde, wie Helden-Geschichten klingen?

„Und mit goldner Schrift in den Marmorstein

„schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein.“

- Ist Jakob ein Held / ein „Held der Bibel“?

- Bis hierher sicher nicht.

 

- Aber nun, da die Sonne aufgeht, geht er seinem Bruder entgegen.

- Aufrecht, mit festem Schritt.

- Und dann geschieht es.

- Jakob verbeugt sich / nein, er wirft sich zu Boden.

- Der Länge nach liegt er da, vor seinem Bruder.

- Er steht wieder auf, geht weiter– und wirft sich erneut zu Boden.

- 2 x, 3 x, 4 x, 5 x, 6 x – immer weiter geht Jakob auf Esau zu + immer wieder fällt er seinem Bruder zu Füßen.

- Inzwischen hat Esau zu laufen begonnen/er rennt seinem Bruder entgegen.

- Ein 7. Mal noch wirft sich Jakob ihm zu Füßen, dann hat er ihn erreicht.

- Esau fällt seinem Bruder um den Hals, er küsst ihn - wie der Vater dem verlorenen Sohn.

- Die Brüder sehen einander an + sie weinen.

- Später, nach dem großen Hallo, wird Jakob noch einmal ganz still.

- Leise sagt er zu seinem Bruder:

„Esau, heute habe ich dein Angesicht gesehen,

wie man das Angesicht Gottes sieht.“

- Er kann immer noch nicht fassen, was geschehen ist / wie ein Wunder erscheint es ihm:

- Und es ist ja auch ein Wunder - und dieses Wunder heißt Versöhnung.

- In diesem Moment wird es tatsächlich sichtbar:

- das Geheimnis /

- der gute Grund unseres Lebens /

- das Angesicht Gottes.

- Jakob, der Lügner, erblickt es, als er in das Gesicht seines Bruders schaut.

- Denn „Wie ein Regen in der Wüste, frischer Tau auf dürrem Land,

Heimatklänge für Vermisste, alte Feinde Hand in Hand.

So ist Versöhnung, so muss der wahre Friede sein,

So ist Versöhnung, so ist Vergeben und Verzeihn.“

- Ist Jakob ein Held, liebe Gemeinde?

- Ich weiß es nicht - kein klassischer vermutlich.

- Aber er ist ein Mensch,

- der sein Leben lebt + von diesem gezeichnet wird,

- der mit seinem Gott ringt + von diesem gesegnet wird.

- der schuldig wird + die Kraft zur Versöhnung findet + im Gesicht seines Bruders den Grund seines Lebens entdeckt.

- Ist Jakob ein Held? Vielleicht nicht.

- Nur ein Mensch - wie Du und ich.

  • Mehr braucht es eigentlich nicht, liebe Gemeinde.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft,

  1. bewahre Eure Herzen und Sinn in Christus Jesus.

Amen.

 

Predigtreihe 2018

Paare der Bibel

 

Die meisten Stimmen bei der Wahl eines Themas für die diesjährige Predigtreihe bekam der Vorschlag "Paare der Bibel". Dabei hatten die PfarrerInnen und Prädikantinnen nicht allein Liebespaare im Blick, von denen in der Bibel erzählt wird, sondern auch Paare ganz anderer Art: Zwei Personen, die wie in einer stehenden Wendung stets gemeinsam genannt (z.B. Petrus und Paulus), Geschwisterpaare, Geschäftspartner usw. Jede/r Prediger/in hat sich ein Paar ausgewählt und zu diesem eine Predigt erarbeitet, die in allen Gemeinden unserer Region im Kirchenkreis Oberes Havelland gehalten wird. So ziehen die Predigenden von Ort zu Ort, die Gemeinden erleben nacheinander die unterschiedlichen Paare der Bibel.

Die Veröffentlichung erfoglt in der Reihenfolge, wie die Predigten in Leegebruch gehalten wurden.

 

Sonntag, 14. Januar 2018:

 

Stellen wir uns vor, liebe Gemeinde, Sarah, die Frau des Abraham, und Hagar, die ägyptische Sklavin der Sarah, könnten sich nach allen Geschehnissen, die die Bibel von ihnen erzählt, mit gehörigem Abstand zu den Ereignissen, noch einmal treffen. Sie würden gemeinsam zurückschauen und insbesondere Gottes Wirken in der in ihrem Leben bedenken. Damals haben sie nicht wirklich miteinander geredet, jedenfalls den Bibeltexten nach. Es war entweder ein Übereinander-Reden oder ein Gegeneinander. Welche Chance es ist, miteinander zu sprechen, sich zuzuhören, aufeinander einzugehen, lasst uns erleben! Ins Gespräch der beiden werden die Bibeltexte eingeblendet, von denen die Rede ist.

Hagar: Danke, liebe Sarah, dass du meine Einladung angenommen hast. Ich möchte doch zu gern im Nachhinein mit Dir über die Dinge reden, die geschehen sind, damals, als wir mitten im Leben standen.

  1. Ja, Hagar, das ist gut. Ich glaube, ich habe dir damals viel Unrecht getan. Aber ich weiß gar nicht, ob ich damals hätte anders handeln können. Abraham und ich, wir haben doch nur versucht, auf Gott zu hören.

Lektor/in: Und hier ist die Verheißung, die Gott Abraham gemacht hat in einer Offenbarung, wie es heißt:

 

Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn.

2 Abram sprach aber: HERR, mein Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder und mein Knecht Eliëser von Damaskus wird mein Haus besitzen.

3 Und Abram sprach weiter: Mir hast du keine Nachkommen gegeben; und siehe, einer von meinen Knechten wird mein Erbe sein.

4 Und siehe, der HERR sprach zu ihm: Er soll nicht dein Erbe sein, sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein.

5 Und er hieß ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!

6 Abram glaubte dem HERRN und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.

und so ging es dann weiter:

 

16 1 Sarai, Abrams Frau, gebar ihm kein Kind. Sie hatte aber eine ägyptische Magd, die hieß Hagar.

2 Und Sarai sprach zu Abram: Siehe, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebären kann. Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme. Und Abram gehorchte der Stimme Sarais.

3 Da nahm Sarai, Abrams Frau, ihre ägyptische Magd Hagar und gab sie Abram, ihrem Mann, zur Frau, nachdem sie zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatten. 4 Und er ging zu Hagar, die ward schwanger.

 

Hagar: Du sagst, ihr habt versucht auf Gott zu hören. Aber du hättest schon anders handeln können. Das mit dem Kind, das ich kriegen sollte, das war deine Idee. Euer Gott hatte damit überhaupt nichts zu tun. Jedenfalls nicht in dem, was in euren Schriften geschrieben ist.

Sarah: Aber wir hatten ja Gottes Verheißung: „Nachkommen so viele wie die Sterne am Himmel“.- Wir wollten doch nur Gottes Versprechen nicht im Weg zu stehen. Deshalb ließen wir dich ein Kind für uns bekommen.

Hagar: Du warst unfruchtbar. Ich musste herhalten als Leihmutter! Zur Gebärmaschine habt ihr mich gemacht! Hat mich Abraham gefragt, ob ich das möchte? Hast du mich gefragt? Nein, ich war deine Sklavin, ich hatte nichts zu sagen. Missbraucht habt ihr mich. Im Namen Gottes. Ja, ich würde sagen, ihr habt den Namen Gottes missbraucht. Ihr habt mir meine Würde als Frau genommen. Und da redet ihr von einem gerechten Gott? Was gehen mich die Verheißungen eures Gottes an, so habe ich mich gefragt.

Sarah: Aber als du schwanger warst, da warst du gar nicht mehr unglücklich!

Hagar: Ja Sarah, ich konnten dann endlich mal auftrumpfen. Ich konnte was, was du nicht konntest. Ich war schwanger. Und ich war etwas Besseres als Du!

Lektor/in Als sie nun sah, dass sie schwanger war, achtete sie ihre Herrin gering.

5 Da sprach Sarai zu Abram: Das Unrecht, das mir geschieht, komme über dich! Ich habe meine Magd dir in die Arme gegeben; nun sie aber sieht, dass sie schwanger geworden ist, bin ich gering geachtet in ihren Augen. Der HERR sei Richter zwischen mir und dir.

6 Abram aber sprach zu Sarai: Siehe, deine Magd ist unter deiner Gewalt; tu mit ihr, wie dir's gefällt.

Als nun Sarai sie demütigen wollte, floh sie von ihr.

 

Sarah: Ja, ich war ungerecht zu dir. Ich konnte nicht dulden, dass du als meine Sklavin auf einmal tust, als wärst du was Besseres. Da musste ich dir das Gegenteil beweisen, klar. Schließlich würdest du ja das Kind auf meinem Schoß gebären, und es wäre mein Kind. Du warst nicht die einzige Sklavin in unserer Umgebung, die das zu tun hatte.

Hagar: Genau an dieser Stelle war mir klar, dass ich das nicht ertragen würde. Ich wusste ganz genau, es sollte mein Kind sein, nicht eures, es sollte mir gehören und nicht eurem Gott. Und ich wusste auf einmal, dass ich es in der Hand hatte, ob aus eurer Gottes-Verheißung etwas wird oder nicht. Das machte mich stark. Ich dachte: nein, demütigen lasse ich mich nicht weiter, lieber verdurste ich mit meinem Kind in der Wüste.

Sarah: Hagar, ich bin dir dankbar, dass Du damals so selbstbewusst darauf reagiert hast und weggelaufen bist. So hatte ich Zeit, über alles nachzudenken. Als du mit unserem Kind weg warst, war mir klar: jetzt ist die ganze Verheißung Gottes verspielt! Da tat es mir leid, dass ich dir das Leben so schwer gemacht habe.

Hagar: Ja, es war die Hölle. Aber ich war auch nicht fein mit dir. Aber dann hatte ich in der Wüste eine ganz besondere Erfahrung. Ich verstehe ja nichts von eurem Gott, den man nicht sehen kann, der keine Standbilder hat, die man anbeten kann. Aber ich glaube fast, er war es selbst, der da war. Es war, als hätte er selbst mit mir gesprochen.

Lektor/in 7 Aber der Engel des HERRN fand sie bei einer Wasserquelle in der Wüste, nämlich bei der Quelle am Wege nach Schur.

8 Der sprach zu ihr: Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin? Sie sprach: Ich bin von Sarai, meiner Herrin, geflohen.

9 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand.

10 Und der Engel des HERRN sprach zu ihr: Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können.

11 Weiter sprach der Engel des HERRN zu ihr: Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört.

12 Er wird ein wilder Mensch sein; seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn, und er wird wohnen all seinen Brüdern zum Trotz.

 

Hagar: Ich hatte das Gefühl, dass er ganz genau versteht, was in mir vorging. Ja, mein Sohn sollte tatsächlich mein Sohn bleiben. und ich sollte viele, viele Nachkommen bekommen – wie Abraham. Überhaupt: ich war eine Frau. Mit mir redete euer Gott – der sonst immer nur mit den Männern geredet hat. Er nahm mich ernst und sprach mit mir, obwohl ich nur deine ägyptische Sklavin war. – in dem Moment hatte ich das Gefühl, mit den Tiefen alles Seins verbunden zu sein. Der Unsichtbare Gott sieht mich an. Es ging mir durch und durch.

Lektor/in 13 Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist ein Gott, der mich sieht. Denn sie sprach: Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat.

 

Sarah: Oh, wie bin ich noch jetzt neidisch auf Dich! Ich hatte nie so direkten Kontakt zu unserem Gott. Immer musste ich Abraham glauben, was Gott zu ihm geredet hatte. – Und dass du Gott einen Namen gegeben hast, finde ich bis heute vermessen und gotteslästerlich. Niemand von uns wagt es, das zu tun. Und dann noch du als Frau!

Hagar: Ja, ich war einfach so sicher mit dem Grund einer tiefen Wahrheit verbunden, ich konnte gar nicht anders.

Sarah: Vielleicht war das ja das Gute an unserem Streit, dass du diese Erfahrung mit unserem Gott machen konntest?

Lektor/in 15 Und Hagar gebar Abram einen Sohn, und Abram nannte den Sohn, den ihm Hagar gebar, Ismael.

16 Und Abram war sechsundachtzig Jahre alt, als ihm Hagar den Ismael gebar.

 

Hagar: Aber Sarah, du musst gar nicht neidisch auf mich sein. Denn danach hat ja Gott auch mit dir geredet.

Sarah: Ja, allerdings. Aber das war eine Sache, die ist mir heute noch peinlich. Damals war ich mir nicht bewusst, dass es Gott selbst war. Drei Männer waren bei uns zu Besuch. Als der eine sagte, dass ich in einem Jahr einen Sohn haben würde, fing ich an zu gackern,– stell dir das doch mal richtig vor, mit 90 Jahren ein Kind!

Jetzt weiß ich, dass bei Gott alles möglich ist, und dass mein Vertrauen zu ihm nicht groß genug war.

Hagar: Ja, das sehe ich auch so. Deshalb hast du mich auch rausgeworfen mit meinem Sohn Ismael, als dein Sohn Isaak groß wurde. Du hattest Angst, dass Isaak, dein Sohn, mit Ismael, meinem Sohn, das Erbe teilen müsste. Was daran so schlimm gewesen wäre, frage ich mich bis heute.

Sarah: Ja, aber ich war nicht allein schuld. Gott hat hier auch noch ein Wörtchen mitgeredet.

Lektor/in 3 Und Abraham nannte seinen Sohn, der ihm geboren war, Isaak, den ihm Sara gebar,

8 Und das Kind wuchs heran und wurde entwöhnt. 9 Und Sara sah den Sohn Hagars, der Ägypterin, den sie Abraham geboren hatte, wie er Mutwillen trieb.

10 Da sprach sie zu Abraham: Treibe diese Magd aus mit ihrem Sohn; denn der Sohn dieser Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak.

11 Das Wort missfiel Abraham sehr um seines Sohnes willen.

12 Aber Gott sprach zu ihm: Lass es dir nicht missfallen wegen des Knaben und der Magd. Alles, was Sara dir gesagt hat, dem gehorche; denn nur nach Isaak soll dein Geschlecht benannt werden.

13 Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, weil er dein Sohn ist.

14 Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und legte es Hagar auf ihre Schulter, dazu den Knaben, und schickte sie fort.

 

Hagar: Dieser Waschlappen Abraham. Von Anfang an stand er voll unter deinem Pantoffel. Zu keiner eigenen Entscheidung fähig! War ich sauer. Auf ihn und noch mehr auf dich.

Aber - die Wege eures Gottes sind so wenig zu verstehen.

 

Er hat dann noch einmal mit mir geredet. In der Wüste.

 

 

Lektor/in: Da zog sie hin und irrte in der Wüste umher bei Beerscheba.

15 Als nun das Wasser in dem Schlauch ausgegangen war, warf sie den Knaben unter einen Strauch

16 und ging hin und setzte sich gegenüber von ferne, einen Bogenschuss weit; denn sie sprach: Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben. Und sie setzte sich gegenüber und erhob ihre Stimme und weinte.

 

17 Da erhörte Gott die Stimme des Knaben. Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben, der dort liegt.

18 Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen.

 

19 Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und tränkte den Knaben.

 

Hagar: Wieder half er mir und dem Jungen. Er zeigte uns einen Brunnen und ließ uns in der Wüste überleben. Ein Wüstensohn sollte er werden, mein Ismael, nicht so verzärtelt wie Isaak.

Und ich hätte Gott noch einmal einen Namen geben können: „Gott hört“. Aber diesen Namen hatte mein Sohn schon bekommen. Sonderbar. Abraham hat ihm den gegeben. Und ihn damit als seinen Sohn anerkannt.

Damals hat Gott mich gehört. Jetzt meinen Sohn. Nachdem Abraham ihn verstoßen hat. Hat auch da Gott seine Hand im Spiel gehabt?

Auch mein Glaube war klein, da in der Wüste. Ich hatte uns tatsächlich aufgegeben. Trotz des großen Versprechens, Ismael würde viele Nachkommen haben. – Aber was rede ich. Gott – euer Gott, wenn ich ihm vertraute, ist es dann mein Gott? Ist mir euer Gott wirklich so nahe gekommen, dass ich: „Mein Gott“ zu ihm sagen kann? Jedenfalls habe ich am eigenen Leib erfahren, dass euer Gott tatsächlich auf der Seite der Ausgestoßenen steht.

 

Lektor/in 20 Und Gott war mit dem Knaben. Der wuchs heran und wohnte in der Wüste und wurde ein guter Schütze.

21 Und er wohnte in der Wüste Paran und seine Mutter nahm ihm eine Frau aus Ägyptenland.

 

Sarah: Jetzt merke ich, dass Gott noch viel weiter denkt als nur an die Menschen, die sein Volk sein sollen. Und ich merke: er handelt durch uns, die Menschen. Wir können seine Vorhaben sehr wohl fördern oder behindern. Aber Gott kann gleichzeitig mit allem umgehen, was wir falsch machen. Ich bin überwältigt So groß ist Gott! So vielfältig ist das, was er tun kann!

Danke, Hagar, dass wir jetzt und hier miteinander reden konnten!

 

Hagar: Danke auch Dir, Sarah.

(gehen beide)

 

Predigerin:

Die Juden verstehen sich als Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Die heutigen Muslime verstehen sich auch als Abrahamskinder, aber als Kinder Hagars und Ismaels. In ihrer heiligen Schrift, dem Koran, wird Ismael als der einzige geliebte Sohn des Abraham bezeichnet, bei ihnen heißt er Ibrahim. Nun könnten Hagar und Sarah darüber streiten, welches der einzige geliebte Sohn ist.

Ich lese aus unserer heiligen Schrift, dass ein Vater seine zwei Söhne lieb hat und sie ansieht, wie Gott seine zwei Töchter Sarah und Hagar ansah.

Beide Söhne, beide Töchter, sind auf ihre Art geliebt.

Ja, Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, kann zwei verschiedene Volksstämme fördern und erfolgreich machen, auch verschiedene Religionen.

 

Solange wir leben, versuchen wir die Wege Gottes zu verstehen. Den anderen, die andere Religionen haben, geht es nicht anders.

Bleiben wir auf dem Weg, miteinander, nicht gegeneinander.

Versuchen wir in unseren Konflikten zwischen Brüdern oder Schwestern Wege des Gesprächs finden. Nicht nur in den religiösen Fragen, auch in politischen Konflikten zwischen Parteien und Gruppen, aber auch in ganz persönlichen.

Miteinander reden, in der Offenheit füreinander schafft Raum für Gottes Wirken.

Gott ist dabei und will daraus Gutes machen, solidarisch mit den Bedürftigen, den Armen, den Ausgestoßenen.

Seine Wege sind wunderbarer, als wir denken können. Vertrauen wir ihm, dass er auch mit unseren fragwürdigen menschlichen Entscheidungen umgehen und segensreiche Wege finden kann, so verworren das Leben auch manchmal zu sein scheint. Amen.

 

Predigt von Pfarrerin Nele Poldrack, Leegebruch und Velten-Marwitz

 

Sonntag, 21. Januar 2018

(Als Lesungen im Gottesdienst hörte die Gemeinde Genesis 12, 1 - 9 und Genesis 14, 8 - 16)

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unse­rem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

Ob man die beiden Personen, um die sich heute alles drehen soll, als ein Paar bezeichnen, oder ob man eher von einem Duo spre­chen sollte, das lasse ich jetzt am Beginn der Predigt erst einmal da­hingestellt. Wir werden vielleicht am Ende eine Antwort darauf fin­den.

Abraham und Lot – zwei Personen aus der Frühzeit; Abraham ist uns gut bekannt als der Stammvater Israels, dagegen ist Lot wohl eher nicht geläufig. Dass die beiden miteinander verwandt sind – Onkel und Neffe –, war für mich bei der Auswahl nicht wichtig. Viel interessanter finde ich, was sich zwischen ihnen abspielt, inwieweit ihr Handeln beispielhaft ist für unser Herangehen an Probleme, an die Lösung von Sachfragen.

Dass Lot zu der Gruppe gehörte, die mit Abraham von Haran in Me­sopotamien aufbrach, weil Gott Abraham aus seiner gewohnten Um­gebung, aus seinem Milieu, aus seinem Land herausgerufen hatte, das haben wir vorhin schon gehört. Bei der Aufzählung, wo Abra­ham hinzieht – nach Sichem, Bethel, Ai, das Südland – spielt Lot überhaupt keine Rolle. Von ihm hören wir erst im 13. Kapitel des Bu­ches Genesis, nachdem von einem Abstecher der Sippe nach Ägyp­ten die Rede war. Nun aber wird es spannend (13, 1 – 12):

 

1 So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot auch mit ihm ins Südland.

2 Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold.

3 Und er zog immer weiter vom Südland bis nach Bethel, an die Stätte, wo zuerst sein Zelt war, zwischen Bethel und Ai,

4 eben an den Ort, wo er früher den Altar errichtet hatte. Dort rief er den Namen des HERRN an.

5 Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte.

6 Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß und sie konnten nicht beieinan­der wohnen.

7 Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Es wohnten auch zu der Zeit die Ka-­
naaniter und Perisiter im Lande.

8 Da sprach Abram zu Lot: „Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder.

9 Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken.“

10 Da hob Lot seine Augen auf und besah die ganze Gegend am Jordan. Denn ehe der HERR Sodom und Gomorra vernichtete, war sie wasserreich, bis man nach Zoar kommt, wie der Garten des HERRN, gleichwie Ägyptenland.

11 Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten. Also trennte sich ein Bruder von dem andern,

12 sodass Abram wohnte im Lande Kanaan und Lot in den Städ­ten am unteren Jordan. Und Lot zog mit seinen Zelten bis nach Sodom.

 

Ein Konflikt schwelt zwischen Abraham und Lot – ausgetra­gen als ein Stellvertreterkleinkrieg durch die Viehhirten beider. Ein Konkur­renzkampf, ein Wirtschaftskrieg, ein Kampf um die natürlichen Res­sourcen des Landes, um Wasser und Weideland, um die Existenz­grundlagen der Viehherden. Für Nomaden eine Frage von Sein oder Nichtsein. – Nicht viel anders heute, wo der Konflikt zwischen Israe­lis und Palästinensern über die Wassernutzung des Jordans genau das gleiche bedeutet.

Was mich bei diesem Konflikt anspricht, ist die Art und Weise, wie er wahrgenommen und gelöst wird. Abraham erscheint als der ältere und bedeutendere auch als Vordenker und Handelnder. Er spricht aus, was Sache ist – Gezänk! Abraham versucht nicht, den Streit zu vertuschen, unter den Teppich zu kehren, er spricht ihn vielmehr ganz nüchtern und sachlich an, verbunden mit der Bitte oder Auffor­derung „Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir!“ So kann, so soll es nicht weitergehen. Wegen unserer wirtschaftli­chen Inter­essen müssen wir uns doch nicht so in die Wolle kriegen, dass un­sere Beziehung, unser Verhältnis zueinander vergiftet wird. Wir sind doch Brüder – das meint die Herzlichkeit, die Tiefe der Beziehung, nicht das reale Verwandtschaftsverhältnis.

Und dann macht Abraham einen Lösungsvorschlag, der zunächst verblüfft: Trenn Dich von mir! Lass uns nicht hier aufeinanderhocken und uns streiten, sondern auseinandergehen. Wir stecken die Claims neu ab! Das Territorium reicht für uns beide, wenn wir etwas auf Dis-tanz gehen und uns nicht ständig gegenseitig auf die Nerven fallen, uns um die gleichen Ressourcen streiten! Und darauf folgt der wei-se, überlegene Vorschlag: Wähl du das Areal, in dem du bleiben willst. Ich will dir nicht vorschreiben, welches Gebiet deins sein soll. Wähle! Ich richte mich nach dir!

Das ist ein erfolgversprechender Lösungsansatz. Ich setze den an­deren nicht unter Druck, ich diktiere nicht die Bedingungen, die zur Beilegung des Streites eingehalten werden müssen, ich lasse der anderen Partei die Möglichkeit, mit erhobenem Haupt aus dem Kon­flikt herauszukommen. Lot bekommt die Chance, das Filetstück zu wählen, den fruchtbareren Landstrich, die sichere Existenzgrundla­ge. So verhindert Abraham, dass Lot sich über den Tisch gezogen fühlt. Lot muss sich nicht nach der Decke strecken, sondern kann selbst auswählen, welche Karte er spielen will. Es ist nur eine Vor­aussetzung erforderlich: Lass dich auf die Trennung ein!

Wenn ich mir heutige Konflikte von Paaren anschaue, dann erlebe ich immer mal wieder, dass die lebensnotwendige Distanz zwischen den Partnern fehlt. Sie kleben wie Kletten aneinander, gehen sich gegenseitig auf die Nerven, reiben sich an vielen Kleinigkeiten auf und führen einen permanenten Kleinkrieg mit dem Ziel: der andere muss genauso werden wie ich, er muss sich meinen Vorstellungen fügen und genauso wie ich die Prioritäten setzen, die Zeit verbrin­gen, Hobbies pflegen oder gewöhnliche Abläufe regeln. Doch Men­schen, selbst wenn sie sich sehr mögen, wenn sie aufeinander an­gewiesen sind, bleiben unterschiedlich, können sich gar nicht immer gleich verhalten. Zueinander auf Distanz zu gehen, bedeutet ja nicht, den anderen schlecht zu finden oder abzuschreiben, sondern bedeutet, ihm seinen Freiraum, seinen Gestaltungsspielraum zu las­sen und seine individuellen Besonderheiten zu achten.

Was Abraham in dieser Geschichte tut, ist genau das. Er schlägt vor, Abstand zu halten, Freiraum zu schaffen, damit das verwandt­schaftliche Verhältnis zu Lot nicht in die Brüche geht. Wir werden uns nicht aus den Augen verlieren, wir werden noch viel weniger zu Gegnern, wenn wir zueinander auf Distanz gehen. Nein, für unsere Beziehung ist es gut und wichtig, wenn jeder sich nach seinen Vor­stellungen und Möglichkeiten entfalten und entwickeln kann. Such du dir den Bereich, der dir am meisten zusagt. Dann kannst du in Frieden leben, dann wird unser Verhältnis von den ständigen klei­nen Zwistigkeiten befreit, die irgendwann eskalieren werden. Ein heutiger, psychologisch geschulter Paartherapeut könnte keinen besseren Ratschlag geben.

So kommt es, dass sich die Wege beider trennen, aber sie verlieren sich deswegen nicht aus den Augen. Lot zieht in das Land östlich des Jordans in die Gegend von Sodom und Gomorrha. Abraham aber nimmt weiter Anteil am Schicksal seines Neffen. Davon haben wir in der zweiten Lesung vorhin gehört. Als er er­fährt, dass Lot bei einem Beutezug anderer Stämme gefangen ge­nommen und ausge­raubt wurde, zögert Abraham keinen Augen­blick, ruft alle seine An­gestellten zu den Waffen und jagt den Frei­schärlern hinterher, um Lot zu befreien und seine Habe den Räu­bern wieder zu entreißen.

Als er später von Gott erfährt, dass dieser die Gegend von So­dom und Gomorra vernichten will, weil die Menschen dort beson­ders un­moralisch, gottlos und egoistisch handeln, bittet Abraham für diese Städte, weil er Lot vor dem Untergang bewahrt sehen möchte. Und Gott lässt mit sich handeln. Zwar kommt nicht die Mindestzahl an­ständiger Leute zustande, derentwegen Gott die anderen verscho­nen will, aber er schickt seinen Engel, der Lot und seine Familie in Sicherheit bringt, damit sie als Unschuldige nicht mitbestraft werden.

Diese späteren Episoden, von denen die Bibel erzählt, zeigen: Es war zwischen Abraham und Lot keine Beziehung, die nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn!“ funktionierte. Die räumliche Trennung, die eingehaltene Distanz war vielleicht gerade das, was notwendig war, um eine gute Beziehung zueinander aufrecht zu er­halten.

Eine sehr nüchterne, sachliche Beziehung pflegen Abra­ham und Lot, nicht gefühlsbeladen, sondern von rationalen Überle­gungen und kla­ren, auch wirtschaftlichen Überlegungen bestimmt. Ein Verhältnis, wie es vielleicht Kollegen, Geschäftspartner oder an einem Projekt Beteiligte haben können, die daneben noch ganz un­terschiedliche Interessen verfolgen. Was kann daran so beispielhaft sein, dass wir uns heute damit beschäftigen?

Es sind drei Punkte:

Der Konflikt, der beiden Seiten zum Verhängnis werden könnte, wird ohne emotionalen Schmus klar und nüchtern analysiert, statt ihn zu negieren oder zu verniedlichen.

Keiner diktiert dem anderen die Bedingungen, es wird fair geregelt, dass beide Beteiligten zu ihrem Recht kommen.

Es wird keine falsche Gemeinsamkeit vorgespielt, sondern klar ge­sagt, wo Distanz zueinander, wo eigener Freiraum notwendig sind, um die Beziehung fortsetzen zu können.

Diese nüchterne, sachbezogene und die Individualität achtende Konfliktbewältigung wünsche ich allen Paaren, nicht nur der Män­nerfreundschaft Abraham – Lot, sondern auch allen Liebespaaren oder sonstigen Duos, die miteinander zu tun haben. Diese Erzäh­lung ist eine Alltagsgeschichte, wie sie jeden Tag vorkommen kann. Sie kann wie ein Lösungsmuster, ein Algorithmus, wie wir heute sa­gen würden, für die Bewältigung von Konflikten aus in unserer Zeit dienen.

Und noch etwas wird in der gesamten Geschichte zwischen den Zei­len deutlich: Da, wo Menschen so sachgerecht und menschenge­recht miteinander umgehen, da kommt auch Gott mit ins Spiel. Er verschließt sich nicht der Fürbitte für den Freund, den Neffen. Er gibt gewissermaßen seinen Segen zu dem überlegten Handeln des Abraham. So könnte es auch bei unseren Beziehungen sein!

 

Und der Friede Gottes, der höher ist alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und Sinne für Christus Jesus, unseren Herrn.

Predigt von Pfarrer Christoph Poldrack, Leegebruch und Velten-Marwitz

 

 

Sonntag, 11.02.2018

Dialogpredigt zur Predigtreihe „Paare in der Bibel“ – Petrus und Paulus

 

DP: Damaskus Press – Silke Görgens

JN: Jerusalemer News – Gesine Utecht

 

S. DP: Ah, Kollegin! Die Jerusalemer News auch hier, das hätte ich nicht erwartet.

G. JN: Könnte der Damaskus Press so passen. Dieses Treffen ist für uns Juden zu wichtig.

S. DP: Da treffen sich doch nur irgendwelche Vertreter dieser neuen jüdischen Sekte. Die wollen etwas beraten, was sonst keinen Menschen interessiert.

G. JN: Aber uns Juden interessiert es. Es geht um wichtige Fragen unseres Glaubens. (Apg. 15,22)

S. DP: Ach, deshalb kommt dieser Paulus wohl extra nach Jerusalem, um euren Petrus zu treffen.

G. NP: Kennst du beiden Männer überhaupt? Will die Damaskus Press wieder ihre üblichen Halbwahrheiten schreiben und was ihr nicht wisst oder sauber recherchieren könnt, wird einfach dazu gedichtet?

S. DP: Mal nicht so giftig. Du kannst mir ja mal die Männer beschreiben und erklären, worum es euch geht.

JN: Ich will dir mal vertrauen. Petrus, das ist unser oberster Apostel. Er war der erste Jünger, der mit dem Messias mitging. Als Fischer arbeitete er für seinen Lebensunterhalt. Jesus sagte ihm, dass er ihn zum Menschenfischer machen wolle. Da verließ er seine Familie und folgte dem Messias. Er war mit ihm am Jordan und hat mit ihm das Herrenmahl eingenommen. Ja, er war sogar bei seiner Verhaftung dabei. (Mt. 4, 18 – 20).

S. DP: Ach, davon habe ich gehört. Er war doch der Feigling, der euren Messias dann verleugnet hat und nicht nur einmal sondern gleich dreimal! Dann hat er sich vom Acker gemacht und du nennst ihn den obersten Apostel? (Mt. 26, 69 – 73).

G. NP: Schon jetzt diese Vorurteile. Ja, er hatte Angst. Aber wer hat die nicht, wenn nächtens Tempelsoldaten in großer Schar und von den Hohen Priestern geschickt, auftauchen. Und dann die aufgeheizte Stimmung in der Stadt! Trotzdem, Jesus, der Messias hat zu ihm gesagt: Du bist der Fels und auf den will ich meine Kirche bauen. Jetzt ist er unser Fels und steht für den neuen Glauben in unserer Gemeinde. (Mt. 26, 47 – 50).

S. DP: Schon gut, ich sag´ ja nichts mehr. In Damaskus hält man allerdings mehr von diesem Paulus. Er soll ein schrecklicher Redner sein. Vor einiger Zeit hieß unsere Schlagzeile: „Paulus tötet Zuhörer mit Predigt“ Paulus hatte stundenlang gepredigt und da ist einer seiner Zuhörer eingeschlafen und aus dem Fenster gestürzt. Allerdings soll er ihn dann wieder zum Leben erweckt haben. Also ich glaube ja eher, dass der Mann nur bewusstlos war.

G. JN: Das ist doch der übliche Tratsch. Eines ist wohl richtig, mit seinen Redekünsten ist es nicht weit her. Manche munkeln sogar, dass er einen Sprachfehler hat. Auch körperlich ist er nicht sehr belastbar. Aber dazu bekennt er sich auch. Die Frage lautet wohl eher, ob Paulus überhaupt ein Apostel ist. Hat er wirklich seine Aufgabe von Gott bekommen? Wurde er tatsächlich von Jesus erwählt, den Heiden zu predigen?

S. DP: Natürlich ist er ein Apostel. Wir haben ausführlich über sein Damaskus-Erlebnis berichtet und über seine Blindheit. Sein Verschwinden und die angeblichen Sichtungen sorgten wochenlang für Schlagzeilen.

G. JN: Meine Recherchen und mein Gespräch mit den Zeugen ergaben folgenden Ablauf des Ereignisses:

Ihn umleuchtete ein Licht. Er fiel auf die Erde und er hörte eine Stimme, die sprach: „Saulus, Saulus, was verfolgst du mich?“ Saulus oder wie die Römer sagen Paulus antwortete: „Wer spricht?“ Darauf hat sich Jesus der Messias zu erkennen gegeben: „Ich bin es, Jesus, den du verfolgst! Steh´auf und gehe in die nächste Stadt, dort wirst du alles erfahren!“ Paulus wurde daraufhin blind. Nach drei Tagen kam er in die Stadt. Als er den Hananias traf, wurde die Blindheit wieder von ihm genommen und er wohnte sogar bei Hananias. Hananias wollte erst ja nicht, da Saulus-Paulus ein eifriger Verfolger der neuen Glaubensgemeinschaft war. Aber dieses Erlebnis hat ihn verändert und er wurde ein glühender Anhänger des Messias Jesus und der neuen Lehre. (Apg. 9, 1 – 19).

S. DP: Davon habe ich gehört. Liebe deine Feinde, tue Gutes, denen, die dich verfolgen. Klar, ich wasche dem römischen Soldaten erst noch die Füße, bevor er mir den Kopf abschlägt. Das gäbe eine tolle Schlagzeile!

G. JN: Wir wollen aber nicht abschweifen. Hier treffen zwei theologische Schwergewichte aufeinander. Petrus, der die Führung nach der Auferstehung Jesus übernahm und die Jerusalemer jüdische Gemeinde aufbaute und Paulus, der Newcomer, der die frohe Botschaft den Heiden verkünden will.

S. DP: Diese Konfrontation war doch abzusehen. Aber worum geht es denn genau?

G. JN: Das ist schwer zu beantworten. Petrus und seine Gemeinde vertreten die Meinung, dass die Heiden erstmal Juden werden sollen. Also sich beschneiden lassen und sich auch an die Reinheitsgebote halten sollen, damit sie dann getauft werden können und Christen werden. Schließlich ist Jesus zu seinem Volk den Juden gekommen.

S. DP: Da kann ich ja nur lachen. Was ist das denn für ein Prozedere? Da hat der Apostel Paulus recht. Umständlicher geht es wirklich nicht.

G. JN: Das hat nichts mit den Umständen zu tun, sondern was richtig ist. Petrus und Jakobus vertreten diese Meinung und fast alle der jüdischen Gemeinden. Wo kämen wir denn hin, wenn Hinz und Kunz plötzlich Christen werden könnten. Wir Juden sind Gottes auserwähltes Volk und zu uns ist der Messias gekommen.

DP: Mir fällt dazu nur Folgendes ein: Was ist denn am Judentum so wichtig, dass sozusagen eine Doppelkonvertierung nötig ist? Paulus sieht es genauso. Der Glaube an Gott und Jesus ist doch das, was zählt. Die Beschneidung und das Einhalten der Reinheitsgebote sind doch nur Äußerlichkeiten und keine Voraussetzung für einen tiefen Glauben. Kannst du in jedem Brief von Paulus nachlesen.

G. JN: Hast du so einen Brief schon einmal gelesen?

S. DP: Für so eine weite Reise bekomme ich bestimmt keine Genehmigung und erst recht keine Spesen. Korinth liegt nun nicht gerade um die Ecke.

G. JN: Ach, aber für Jerusalem hat das Geld gereicht.

S. DP: Mein Chefredakteur ist der Meinung, hier wird Geschichte geschrieben und so hat er mich hergeschickt.

G. JN: So denkt mein Chefredakteur auch. Er meint ja, man sollte den Paulus wieder in die Wüste schicken. Er hat den lebendigen Jesus schließlich nicht erlebt. Jesu Jünger sind hier in der Stadt und verkörpern die Lehre, die Jesus unter die Menschen bringen wollte. Paulus kann da gar nicht mitreden. Er bringt nur Zwietracht in die Gemeinden.

S. DP: Ich habe gehört, dass Petrus und die Ältesten Paulus regelrecht hierher nach Jerusalem beordert haben, damit er ihnen Rede und Antwort steht. Jetzt sitzen sie wohl beisammen und streiten sich. Man könnte fast denken, man wäre im römischen Senat. Keine Seite will klein beigeben!

G. JN: Das weißt du doch gar nicht. Warte mal, ich sehe da gerade meinen Freund Daniel, der hat es irgendwie geschafft, sich rein zu schmuggeln, den frage ich.

S. DP: Du bist bestimmt gleich wieder da. Ich überlege schon einmal, was ich meinem Chefredakteur schreiben kann. Ob ich wohl einen Termin bei Paulus bekommen kann? Ein persönliches Gespräch mit dem Revolutionär wäre doch ein toller Aufhänger für eine mehrteilige Reportage.

G. JN: Da bin ich wieder. Es gab einen Kompromiss.

S. DP: Und wie sieht der aus?

G. JN: Also: die Apostel, die Ältesten und die ganze Gemeinde wählen einige Männer aus ihrer Mitte aus, die mit Paulus und Barnabas nach Antiochia reisen. Sie sollen der Gemeinde dort einen Brief überbringen mit folgendem Inhalt: Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: dass ihr euch enthaltet von Götzenopfer und von Blut und vom Erstickten und von Unzucht. (Apg. 15, 21 – 29).

S. DP: Hey, das finde ich ja klasse. Nach dem so lange diskutiert wurde, hätte ich nicht mit einer so schnellen Einigung gerechnet. Ob Paulus wirklich damit zufrieden ist?

G. JN: Ich weiß nicht, er ist zuweilen ein Hitzkopf. Warten wir es doch einfach ab. Ich sehe schon die Schlagzeile von Morgen: „Die Apostel bekehren Millionen!“ Petrus und Paulus sind zusammen ein unschlagbares Pärchen. Wenn sie auch noch gemeinsam Abendmahl feiern, dann ist das eindeutig ein Zeichen für die Welt.

S. DP: Du bist ja ein Träumer. Sieh dir nur die Römer an, wie die sich benehmen. Aber schön ist dein Traum. Noch schnell eine Frage, glaubst du Paulus würde mich auf eine seiner nächsten Reisen mitnehmen? Ich möchte einfach einige Artikel über ihn schreiben. Wer weiß, vielleicht lasse ich mich sogar taufen.

G. JN: Dann habe ich meine wundervolle Schlagzeile: Reporterin der Damaskus Press wurde Christin! Der wahre Bekehrungsbericht!“

Predigt der Prädikantinnen Silke Görgens und Gesine Utecht

 

Sonntag 04.03.2018

 Predigt zu David und Bathseba

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater,

und unserm Herrn Jesus Christus.“ Amen.

 

- Weit hat er es gebracht, liebe Gemeinde.

- Ganz nach vorn, ganz nach oben.

- Zwar nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, aber doch vom Hirten-jungen zum König von Israel!

- Alles ist ihm geglückt – dem Liebling Gottes und der Menschen.

- Für seine Kameraden ist er ein Held und für die Frauen ebenso.

- Doch nun ist er tief gestürzt.

- David hat einen Ehebruch begangen, dessen Folgen er kaum beherrschen kann.

- In der Abenddämmerung erging er sich auf dem Dach seines Palastes.

- Von dort konnte er die schöne Bathseba im Bade beobachten.

- Er schickt nach ihr und „wohnt ihr bei“, wie Luther schamhaft übersetzt.

- Das war nicht schwer zu arrangieren, weil ihr Mann abwesend ist.

- Uriah ist Offizier und auf einem Feldzug. /

- Und Bathseba wird schwanger nach jener Nacht.

- Als David davon erfährt, lädt er Uriah großzügig zu einem Heimaturlaub ein.

- Offenbar will er erreichen, dass er so schnell wie möglich mit seiner Frau zusammen kommt.

- Dann kann er ihm das Kind als Kuckuckskind unterschieben.

- Aber Uriah spielt nicht mit.

- Er kommt zwar nach Jerusalem, aber er kehrt nicht in das eigene Haus ein.

- Stattdessen beschämt er- ohne es zu wissen - den durchtriebenen König mit seinem Anstand:

„Ganz Israel und Juda sowie alle meine Kameraden lagern im Felde – und ich sollte in mein Haus gehen, um zu essen und zu trinken und bei meinem Weibe zu liegen? So wahr Du lebst und der HERR lebt: So etwas tue ich nicht.“

- Auch als ihn David betrunken macht, schläft er draußen im Hof wie die anderen Soldaten.

- Ob Uriah den Braten gerochen hat?

- Wer weiß.

- Jedenfalls äußert er sich nicht dazu.

- Was hätte er ihm auch sagen sollen – dem großen Herrscher und König, Liebling Gottes und der Menschen?

- Und dieser gerät in Panik ob der moralischen Unfehlbarkeit des ausländ-ischen Söldners.

- Er ordnet ein Himmelfahrtskommando an.

- Sein Feldherr versteht und befiehlt den Offizier zu einem waghalsigen Unternehmen.

- Dabei kommt Uriah ums Leben – wie vom König geplant.

- Als es diesem gemeldet wird, schickt er dem beunruhigten Feld-herrn eine abwiegelnde Botschaft.

- Mit beispiellosem Zynismus schreibt er:

„Ach, nimm es nicht so schwer. So ist nun mal das Leben.

Mal trifft es den einen, mal den anderen.“

- Vermutlich ist David froh, dass er noch einmal glimpflich davon gekom-men ist.

- Aber er hat keine gute Figur gemacht.

- Jedenfalls versucht er, möglichst schnell zur Tagesordnung zurück zu kehren.

- Immerhin ist Bathseba nun Witwe – und somit frei für den König.

- Nach Ablauf der Anstandspflicht kann dieser sie endlich heiraten.

- Und kurze Zeit später gebiert sie dem König einen Sohn.

- „Kurze Zeit später“?

- Uriah war doch im Felde gewesen!

- Und den König hatte Bathseba erst vor wenigen Wochen geheiratet!

- Wie konnte das zugehen?

- Rechnen konnten die Menschen damals auch, liebe Gemeinde.

- Davon ist auszugehen.

- Aber niemand sagt etwas.

- Wobei, was hätten die Menschen auch sagen sollen?

- Alles scheint seine Selbstverständlichkeit zu haben.

- Die Macht kauft sich eine Frau und bezahlt mit dem Tode eines Menschen.

- Und alle spielen mit.

- Alle schweigen und die Gewissen bleiben stumm.

- Es gibt sie –liebe Gemeinde- die Zeit der stummen Gewissen, in der nicht mehr unterschieden wird zwischen Recht und Unrecht.

- „Was kann ich schon ausrichten?“

- „Das machen doch alle so.“

- „Das mit den Juden haben wir nicht gewusst.“

- „Die Mauer-Toten waren doch selber schuld.

Haben gegen die damaligen Gesetze verstoßen.“

- Es gibt diese Zeiten, in denen sich die Begierde das Gewissen unterwirft.

- „Wer weiter kommen will, darf nicht zu viele Fragen stellen.“

- „Hitler-Jugend? Da waren doch damals alle drin.“

- „Jugendweihe? Na klar. Ich wollte doch meinen Kind nicht die Zukunft verbauen.“

- Die Schuld David – sie liegt nicht nur darin, dass er gegen sein Gewissen handelt, sondern dass er -im ganz wörtlichen Sinn- gewissen-los ist.

- Der Mensch –liebe Gemeinde- ist nicht nur verantwortlich vor seinem Gewissen, er ist auch verantwortlich für sein Gewissen.

- Die Stunde der begrabenen Gewissen – sie ist die Stunde des systematischen Unrechts.

- „Davon haben wir nichts gewusst.“

- „Was hätten wir schon dagegen tun können?“

- „Ich habe nur Befehle befolgt.“

- Ein ganzes Volk kann moralisch verkommen, wenn es Augen und Ohren

vor der Wahrheit und dem Recht verschließt.

- Wer wüsste das besser als wir, liebe Gemeinde?!

 

- Die Stunde des begrabenen Gewissens – sie ist aber auch die Stunde der Propheten.

- Propheten sind Menschen, die in verblendeten Zeiten

- die Wahrheit erkennen und den Menschen mit ihr in den Ohren liegen;

- die den Willen Gottes erkennen und widerborstig auf ihm bestehen.

- Schlimmer als die nervenden Störgeräusche jener Gutmenschen, die den

Machthabern ihre Zeit auf die empfindlichen Nerven gehen, sind nur die Zeiten, in denen niemand mehr Einspruch erhebt gegen die Geläufigkeit des Unrechts.

- Und so schickt Gott dem David seinen Deniz Jücel / seinen Alexei Nawal-ny.

- Er heißt Nathan. Und er tritt vor den König und spricht zu ihm:

Lektor/in:

Mein König, es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt's wie eine Tochter.

Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er's nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.

Pfarrer:

Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan:

Lektor/in:

So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.

Pfarrer:

Da sprach Nathan zu David:

Lektor/in:

Du bist der Mann! So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazutun. Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter. Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei. (…)

Pfarrer:

Da sprach David zu Nathan:

Lektor/in:

Ich habe gesündigt gegen den HERRN.

Pfarrer:

Nathan sprach zu David:

Lektor/in:

So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen;

du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.

Pfarrer:

Und Nathan ging heim.“

 

- Weit hat David es gebracht, liebe Gemeinde.

- Ganz nach vorn, ganz nach oben.

- Vom Hirtenjunge zum König von Israel!

- Und nun?

- Er ist tief gefallen – der Liebling Gottes und der Menschen.

- Und er hat die Größe, sich diesem tiefen Fall auch zu stellen.

- Vielleicht ist es das Erstaunlichste an seiner Größe, dass er dem Urteil Gottes nicht ausweicht.

- Davids Würde besteht nicht darin, dass er ohne Fehl und Tadel ist.

- Seine Würde besteht darin, dass er der Einsicht in sein Verbrechen nicht ausweicht.

- Er wagt es, sein Gesicht zu verlieren. „Ich habe gesündigt gegen den Herrn.“

- Er entschuldigt nichts; vertuscht nichts, beschönigt nichts.

- Er wehrt sich nicht gegen das Urteil Gottes und die Rede des Propheten.

- Er hätte die Stimme Gottes und die Rede des Propheten auch abwürgen können, wie es Macht gewöhnlich tut.

- zensieren, verbieten, wegsperren, mundtot machen.

- Vielleicht ist es überhaupt das Größte, was einem Menschen gelingen kann, sich der eignen Schuld zu stellen und wehrlos zu werden vor dem Urteil Gottes und dem eigenen Gewissen.

- Der 51. Psalm, der große Bußpsalm, wird David zugeschrieben und darin finden sich die Aussagen:

- dass Schlachtopfer und Brandopfer nichts ausrichten gegen die eigene Schuld,

- dass aber Gott den „geängstigten Geist“ und das „zerschlagene Herz“ nicht verachtet.

- David hat sich sein Herz / sein Ansehen vor sich selbst und vor anderen zerschlagen lassen.

- Er bricht mit sich selbst, indem er dem harten Satz des Propheten nichts ausweicht: „Du bist der Mann!“

- Welche Würde / Welche Kraft, sich derart die Maske vom Gesicht reißen zu lassen!

- Und Gott würdigt die Würde Davids, indem er ihn bestraft, aber ihm auch vergibt.

- Er redet seine Schuld nicht klein, aber er lässt ihn lebenleben und neu anfangenbeladen mit der Last seiner Untat.

 

- Und das Kind / der Sohn?

- Wir erfahren nichts über ihn – nicht einmal seinen Namen.

- Wir erfahren nichts – und haben doch so viele Fragen:

- Ist das nicht unmenschlich: das Leben eines Kindes als Preis für die Sünde des Vaters?

- Ist das wirklich der Gott des Nazareners, der so grausam handelt?

- Wir haben viele Einwände und Widersprüche und Fragen– und bekom-men doch keine Antwort.

- Die Perspektive des Kindes – den biblischen Autoren ist sie nicht der Rede wert.

 

- Und die Frau / Batheseba / die Schöne / die Geheimnisvolle?

- Wir erfahren nichts über sie – und hätten doch so viele Fragen:

- Hat sie sich dem König gern hingegeben – weil Stärke sexy ist?

- Oder konnte sie sich dem Willen des Herrschers nicht entziehen?

- Hat sie gewusst oder geahnt, welche Folgen dies alles für ihren Mann, Uriah, hatte?

- Hat sie dem König den Tod ihres Kindes angelastet?

- Wir hätten viele Fragen– und bekommen doch keine Antwort.

- Die Perspektive der Frau – den biblischen Autoren ist sie nicht der Rede wert.

 

- Und David?

- Ob er –in diesem Urteil- das Wort der Gnade hat hören und annehmen können?

- Denn es ist nicht leicht – liebe Gemeinde – sich wirklich vergeben zu lassen - vor allem für uns Männer nicht.

- Wer um Vergebung bittet,

  • muss sich selbst aus der Hand geben,
  • und sich zugestehen, dass sie / er
    • ein angewiesener Mensch ist
    • und eben nicht mehr allein „seines Glückes Schmied.

- „Der Starke ist am mächtigsten allein!“ – heißt es in Schillers Tell.

  • Es ist einer der männlichsten und verkehrtesten Sätze.

- Denn es gibt Dinge, die man sich nicht selbst verschaffen kann:

- nicht die Liebe / die Freundschaft / die Vergebung.

- Deshalb - gesteht David ohne Umschweife dem Herrn seine Schuld

- und deshalb beten wir in jedem GoDi:

„...und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

- Weil wir uns als Glaubende angewiesen wissen - auf Zuwendung und Gnade und Vergebung.

- Dies schändet den Menschen nicht – liebe Gemeinde – es macht vielmehr seine Würde aus.

- Nur wer unter dem unbesiegbaren Zwang steht, ständig Souverän seiner selbst zu sein, kann Abhängigkeit nicht ertragen.

 

- Und zu jeder aufrichtigen Bitte um Vergebung gehört die Fähigkeit –wie David-,

  • der eigenen Schuld ins Auge zu blicken
  • und es aufzugeben, sich selbst zu rechtfertigen.

- Unsere – geradezu reflexhafte, ja instinktive – Selbstverteidigung aufzugeben und wehrlos zu werden - wie David – es ist eine der

schwersten Künste des Lebens.

- Man muss wohl einen so großen Glauben haben wie David, um es aus-zuhalten

  • mit den eigenen Lebensbrüchen
  • und mit den Zerstörungen, die man selbst angerichtet hat.

- Es damit auszuhalten und – statt zu resignieren / zu verniedlichen oder zu verleugnen – immer wieder zu sprechen:

„... und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

 

- Der große David, liebe Gemeinde.

- Weit hat er es gebracht.

- Vom Hirtenjunge zum König über Israel!

- Vom Wegelagerer und Schutzgelderpresser zum Liebling Gottes und der Menschen.

- Von nun an aber ist noch mehr: ein Geschlagener und Gesegneter zugleich.

- Geschlagen und gefallen durch eigene Schuld.

- Zugleich aber bewahrt und gesegnet durch

- Gottes Barmherzigkeit, die „alle Tage neu“ ist,

- und durch seine Gnade, welche höher ist als alle Vernunft.

- Sie bewahre auch unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen. 

Predigt von Pfarrer Markus Schütte, Velten-Marwitz